Archiv für das Jahr: 2005

Helga Sachse-Höfle

Der Weihnachtsstern ist der am besten behütete Stern am Himmel.
Einmal im Jahr wird er vom großen Himmelsgewölbe herunter geholt werden. Er muss für das große Ereignis poliert werden, denn Millionen von Menschen suchen ich in der Weihnachtsnacht. Einmal hatten die großen Engel keine Zeit für diese mühsame Arbeit und beauftragten den kleinsten Engel damit. Er hieß Simsamea. Ein wenig ängstlich stand er nun am Fuße der rieseigen Leiter, die zum großen Stern führte . . .

aus: “Der verlorene Schweif des Weihnachtssterns”

geb. 1943. Bis 2004 als Rektorin einer Grundschule in Mainz tätig, zahlreiche Veröffentlichungen, Hörspiele, Bilderbücher, Kindergeschichten. Seminartätigkeit für kreatives Schreiben, Kinderliteratur und Lesekompetenz. Mitarbeit an Broschüren der Stiftung Lesen.

Veröffentlichungen u. a.: “Der Rote Schal” (2003), “Weihnachts- und Wintergeschichten” (1993), “Die Reise der Zikaden nach Jerusalem” (1994).

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Rainer Wedler

Inselspringen

die Hosen aufgepumpt
mit hartem Wasser und kalten Fischen
die blauen Hosen des Matrosen
der Himmel färbt sie
wie er will
die Inseln
des Matrosen
sind Trittsteine über den Horizont

geb. 1942, nach dem Abitur als Schiffsjunge in die Türkei, nach Algerien und Westafrika. Studium: Germanistik, Geschichte, Politik, Philosophie. Promotion über Burleys “Liber de vita”. Lyrik, Kurzprosa, Roman. Verheiratet, zwei Söhne.

Veröffentlichungen u.a.: “Die Katze” (Gedichte, 2. Aufl. mit Zeichnungen von Jens Weber 2005), “Via Ronco” (40 Gedichte, Zeichnungen von Peter Frömmig 2005), “Atemwürfel” (Gedichte 2004), “Die Farben der Schneiderkreide” (Roman 2003), “der Hahn kräht den Wind in die Bäume” (Gedichte 2003).

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Eric Scherer

Am fatalsten verhielt es sich mit Godzillas Schwanz. Der schwang unkontrolliert hinter ihm her, eine Laune der Natur, die vor allem bei Körperdrehungen verheerende Folgen hatte. Der gigantische Reptilienschwanz pendelte einfach Hochhäuser, Lastkräne oder Güterzüge weg, ohne dass das Echsenwesen dies beabsichtigte. Schließlich hatte es hinten keine Augen. Und es sagte ihm ja auch niemand, was es mit seinem Schwanz anrichtete.
Hagen fand, dass hier ein interessanter Interpretationsansatz verborgen war. Symbolisierte Godzilla nicht vielleicht eine männliche Urangst?”

aus: “Der Heldenmacher”

geb. am 31.3.1962 in Landstuhl/Pfalz, vor 25 Jahren Wahl-Wiesbadener, seit 20 Jahren Wahl-Mainzer, aber kein 05er, sondern weiterhin bekennender Anhänger des 1. FC Kaiserslautern. Studium und Zeitungsvolontariat auf der besseren Rheinseite. Seit 1998 freier Journalist, hauptsächlich tätig für ein in Rüsselsheim ansässiges Automobilunternehmen. Zwei Katzen, keine Kinder. “Der Heldenmacher” ist sein zweiter Roman.

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Dr. Treznok

sich eininseln

ein Meer hat mehr Grenzen
als eine Insel – die hat bloß eine
aber ein Meer hört überALL auf
und kann dann nicht weiter

eine Insel ist fast unbegrenzt
eine einzige Grenze ist wenig
nach Allen Seiten Freiheit
nach Innen das Selbst

aus: “Köln-Koog & Anderswo”

geb. 1963, reinkarniert 1991/Musikant & Lyrikant/Flaschenpost-Beamter/lebhaft in Mainz/Lyrik über den Buchhandel beziehbar (macht meine Verleger glükklich!).

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Julia Mantel

Ich häng gern ab

Abhängen
cooles Wort
zum Beispiel
Deine Photos
abhängen.

geb. 1974, lebt in Karben bei Frankfurt/Main. Studium der angewandten Kulturwissenschaft in Lüneburg. Musikjournalistisches Schreiben für Sonic Press und Intro. Seit sieben Jahren Beschäftigung mit Lyrik und Kurzprosa. Veröffentlichungen in Anthologien.

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Gerhard Henschel

Im Doppelstockbett durfte Volker oben schlafen, weil er drei Jahre älter war als ich. Dafür war er drei Jahre jünger als Renate. Zum Beten faltete Mama ihre Hände über meinen. Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm. „und jetzt will ich keinen Mucks mehr hören!“ Meine Beine waren mit Bademantelgürtel an die Bettpfosten gebunden, eins links und eins rechts, damit ich die Decke nicht abstrampeln konnte. Maikäfer, flieg!

aus: “Kindheitsroman”

geb. 1962, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Er veröffentlichte Satiren, Sachbücher und Romane.

Veröffentlichungen: “Kindheitsroman” (2004), “Die Liebenden” (2002), “Jahrhundert der Obszönität” (2000 – mit Eckhardt Henscheid), “Kulturgeschichte der Mißverständnisse” (1998 – gemeinsam mit Brigitte Kronauer und Eckhard Henscheid).

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Kathrin Röggla

nee, schlafen sei nicht schick, „das kommt nicht so gut an“. wer schlafe, sei auch schlecht beraten, so als berater (lacht), man würde eben viel arbeiten, und man würde ja auch viel nachts arbeiten, „also wenn man um 18 uhr geht, kommt üblicherweise der spruch: ob man sich einen halben tag freigenommen habe?“ das sei ein völlig normaler spruch. ja, er würde fast sagen, es herrsche da so eine art wettbewerb vor, so unter dem motto: wer hält am längsten durch?

aus: “wir schlafen nicht”

geb. 1971 in Salzburg, lebt in Berlin. Ab 1989 Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg, ab 1992 in Berlin. Seit 1989 Mitwirkung bei und Inszenierung von Theaterstücken und Performances, seit 1991 auch Videoperformances. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften sowie im österreichischen und deutschen Rundfunk. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Veröffentlichungen: “wir schlafen nicht” (2004), “really ground zero” (2001), “Irres Wetter” (2000).

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Nora-Eugenie Gomringer

Gegenseitig

In einer Nacht dreimal
Mit dem Liebsten
Oder mit einem x-beliebigen
Geschlafen oder an einer Ecke gestanden
Und über einen Preis verhandelt
Vielleicht ginge man doch einfach mit
Und drücke sich die Augen zu

geb. 1980, ist Deutsche und Schweizerin, Rezitatorin und Autorin und ist zwischen Deutschland und den USA aufgewachsen. Als Lyrikerin hat sie 2002 ihren zweiten Gedichtband “Silbentrennung” veröffentlicht und im selben Jahr mit dem Autor Martin Beyer einen Verlag zur Förderung junger Literatur gegründet. Sie ist Studentin der Amerikanistik und Germanistik, Poetry Slam Veranstalterin und war die einzige weibliche Finalistin bei den Nationalausscheidungen der Slam Poeten 2004 in Stuttgart. Sie ist Siegerin zahlreicher Slams im In-und Ausland und sie schreibt – nach eigener Aussage- Lyrik und Sprechtexte. Veröffentlichungen in zahlreichen Poetry Slam- und Kurzprosa-Anthologien und Magazinen Sie arbeitet an ihrem dritten Lyrikband.

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Sten Nadolny

Schwarz und verkrustet kauerte Hermes zwischen zwei kleinen Gebüschen aus dornigem Wolfsmilchkraut, den Rücken an einen Stein gelehnt. [ . . . ] Wie gern hatte er als Kind in Wäldern und Sümpfen, an Quellen und in prächtigen Wiesen gesessen, vor allem an den Wegkreuzungen der Menschenwelt, regungslos und einsam wie ein Steinkegel, und sich vorgestellt, er wäre unsichtbar. Später hatte er den Stab bekommen, der dies bewirken konnte, und er war gern unsichtbar. Faul daliegen, für niemanden erkennbar, den salzigen Wind spüren und mit kühlem Amüsement das Leben der Käfer und Libellen, der Menschen und Götter beobachten, das wollte er, das mußte wiederkommen.

aus: “Ein Gott der Frechheit”

geb. 1942 in Zehdenick an der Havel, in Oberbayern aufgewachsen, humanistisches Gymnasium, Studium der Geschichte und Politologie, Promotion, Lehrerexamen, Gymnasiallehrer in Berlin-Spandau. 1977 Wechsel vom Schuldienst zum Film: Fahrer, Requisiteur, Aufnahmeleiter, daneben Filmkritiken und Drehbuchversuche, 1980 Ingeborg-Bachmann-Preis für ein Kapitel aus dem späteren Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Weitere Literaturpreise: Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster (1985), Mainzer Stadtschreiber 2005.

Veröffentlichungen u.a. : “Das Erzählen und die guten Ideen” (2000), “Ullsteinroman” (2003), “Ein Gott der Frechheit” (1994), “Selim oder Die Gabe der Rede” (1990), “Die Entdeckung der Langsamkeit” (1983).

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Nikolaus Schneider

Der Aberglaube ist eigentlich wieder Herr über die Künste geworden und hat sie zu Grunde gerichtet. Aber nicht er allein, auch das Enge Bedürfniß der neuern, der nördlichen Völcker. Denn auch die Pfalz ist noch nördlich und die Ludwigshafener waren auch nur Barbaren, die das Schöne raubten, wie man ein schönes Weib raubt. Sie plünderten die Welt und brauchten doch griechische Schneider um sich die Lappen auf den Leib zu passen.

aus: “Goethes Pfälzische Reise als Einspruch gegen die Romantik”

geb. 1968 in Rheinböllen, 1988-94 Studium der italienischen und deutschen Literaturwissenschaften in Bologna, lebt und arbeitet als Dozent für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ausgedehnte Reisen durch Italien und die Pfälzische Toskana zur Erforschung der alltäglichen und historischen Querverbindungen von Kunst und Lebensweisen. Seit 2004 Vorträge seiner Forschungsarbeit „Goethes Pfälzische Reise als Absage an die Romantik“ im In- und Ausland u.a. für die Walther von Goethe Foundation, Reykjavik und die Mannheimer Heart Gallery in Ludwigshafen.

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