Archiv für das Jahr: 2007

Christine Lipp

Gestern lag der Gummibäre
rot am Rücken
abgelutscht
achtlos
mitten
am Trottoire
ausgespuckt
vom Kindermund.

Da ich sah den Himbeerbären
rot
so glänzend
hingespuckt
wundre
ich mich heut
noch immer
welcher war der Erdbeermund.

geb. 1934 in Bratislava/Pressburg. Schuljahre in Prag und Wien. 1956 den österreichischen Schauspieler Alfons Lipp geheiratet. 1980 deutsche Staatsbürgerin geworden. Durch den Beruf des Schauspielers verschiedene Wohnorte: Bochum, Hannover, Heidelberg, Kiel, Wiesbaden. Berufsjahre im Krankenhaus. Theater für Kinder. Literaturkreis an der VHS. Beiträge in Literaturzeitschriften.

Veröffentlichungen u.a.: “In den Zeiten der Kriege” (Roman, in Vorbereitung), “Kindheit und Krieg” (Frankfurt 1992).

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Ibrahima Ndiaye (Ibou)

BAYE “LOU WAYE DEF BOPPAM” – die Geschichte von Herrn “Jeder wird für seine Taten entsprechend belohnt”

Es lebte einmal ein alter Mann, dessen Namen man gar nicht mehr kannte, da er von allen Herr “Jeder wird für seine Taten belohnt” genannt wurde. Dies ist nun ein seltsamer Name, aber der Alte war im Ältestenrat des Dorfes vertreten und gab seinen Rat meist in Form von alten Sprichworten. Seine liebstes und wie er meinte, das weiseste Sprichwort lautete “Jeder wird für seine Taten entsprechend belohnt”. Dafür hatte er so häufig Verwendung, dass er zu diesem ungewöhnlichen Namen kam. […]

aus: “Ndumbelaan – das Reich der Tiere”

geb. 1963, studierte Germanistik, Romanistik und Anglistik in Dakar (Senegal) und in Saarbrücken. Lebt seit 1987 in Deutschland. Verschiedene Tätigkeiten und Aktivitäten, u.a. beim SR, Kulturamt der Stadt Saarbrücken, BARIS, RAMESCH und Theaterpädagogischen Zentrum. Musiker und Tänzer bei KOUMPO, der erste afrikanischen Musikgruppe im Saarland und Gründer der deutsch- afrikanischen Musik- und Tanzgruppe DUNDUMBA. IBO, inzwischen Vater eines Sohnes, lebt heute in Saarbrücken.

Veröffentlichungen: “Amadou ma Amadou” (Märchen aus dem Senegal 2001), “Ndumbelaan – das Reich der Tiere” (Märchen aus dem Senegal 1998).

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Jörg Sternberg

Insgesamt kann Zwergel zufrieden sein: die Seuche weit weg, die Börse erholt, der Diktator vor Gericht, Rostock geschlagen, das Genom entschlüsselt, die Hochburg genommen, der Motor verstärkt, die Eifel erloschen, der Markt befreit, die Welt erlöst.
Haas steht im Endspiel.
Das Wetter nur trübt den Tag. Keine Sonne will aus dem Gewölk da über ihm, nicht eine. In Jakutsk ist das Wetter noch schmuddeliger, es reißt eine ganze Stadt weg mit Brücken und Bevölkerungsteilen. Da schalten wir lieber aufs traumhaft Versinkende. Frau Zwergel fährt mit nach Venetien. Es kann traut werden daheim.
Weil: Dafür haben die Zwergels zu hart gearbeitet ihr Leben lang, dass jetzt die Eifel wieder ausbricht oder das Genom ein Rätsel bleibt oder der Serbe ungeschoren davonkommt.

aus: “Vom Verflimmern der Wirklichkeit”

geb. 1940 in Erfurt. Abitur, Studium (Germanistik, Geschichte) und Referendarausbildung in Mainz. Gymnasiallehrer, lebt in Hanau. Mitglied im Literatur-Forum Hanau/Main-Kinzig-Kreis. Schreibt Prosa, Lyrik, Theatertexte. Publiziert in Literaturzeitschriften wie “fragmente”, “ort der augen” und “krautgarten”.

Veröffentlichungen: “Vom Verflimmern der Wirklichkeit. Erzählungen, Satiren, shortcuts zur Traumfabrik Television” (2003), “Der plötzliche Befall der Leute durch Vereinigung” (Erzählungen 1992), “Ikarus” (Kurzprosa und Lyrik 1989), “Stattleben” (Roman 1988).

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Monika Rinck

mein streifen für diese woche

ich habe die tage gezählt, es waren sieben. und keiner war gleich.
den schlaf, den süßen plüsch, immer wieder aufgedeckt mit einem leisen:
weißt du nicht. ich lag da wie ein vögelchen, ich sagte ja, ich sagte nein
und dachte mir: grammatik. wir verständigten die völker, die völker
kamen dann auch angehuscht. in die kartause. in das kartenhaus,
unsre schnell stube. zwanzig stühle standen, schnelle stute, rund
um das schwere, dunkle ding. shanti. shanti. um, akkusativ, den tisch.

aus: “zum fernbleiben der umarmung”

geb. 1969 in Zweibrücken, Studium der Religionswissenschaft, Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Bochum, Berlin und Yale. Lebt als Autorin in Berlin. Veröffentlicht Essays, Prosa und Gedichte in Zeitschriften und Anthologien.

Veröffentlichungen u.a.: “zum fernbleiben der umarmung” (Gedichte 2007), “Ah, das Love-Ding! Ein Essay” (2006), “Verzückte Distanzen” (Gedichte 2004).

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Marcel Diel

… und das geht wie ein Uhrwerk: irgendwann schubst dich der Zeiger an, und dann bist du wieder dran zu beweisen, wie tadellos diese Maschine funktioniert. Du bist ihr Kuckuck. So ne Uhr kann wunderbar laufen und alles, aber wenn der Kuckuck nicht rauskommt und seine Performance gibt, wird jeder sagen, daß die Maschine kaputt ist, und dann kommt keiner mehr mit dem Ölkännchen vorbei und keiner macht sich noch Mühe, das Ding wieder zum Laufen zu bringen, denn es gibt ja so viele andere, ganz ähnliche Uhren in diesem Haus, und du bist nur eine von ihnen, bist nur ein Kuckuck von vielen, was solls also!

aus: “Peace On My Mind”

geb. 1975 im Westerwald, lebt als freier Lektor in Berlin und schreibt (wenn er denn schreibt) hauptsächlich Lyrik. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, z.B. in “Lyrik von Jetzt” (hg. von Björn Kuhligk und Jan Wagner, Köln 2003) und, als “Mr. 2000″, in “25 Jahre Mainzer Kulturtelefon” (hg. von Sigrid Fahrer und Dietmar Gaumann, Mainz 2006). Von 1999 bis 2006 Chefredakteur der Zeitschrift “Kritische Ausgabe”. Vorstandsmitglied des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz e.V. (FöK). Mitherausgeber der “Edition Schrittmacher” im Rhein-Mosel-Verlag.

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Falko Hennig

Interviewerin: Ganz direkt gefragt, sind Sie eigentlich links?
Dr. Burzer: Ist der Apfel, der vom Baum fällt, links?
Interviewerin: Was für ein Apfel?
Dr. Burzer: Ist der Walfisch, in den Kapitän Ahab seine Harpune jagte, ist dieser Walfisch links gewesen?
Interviewerin: Ich verstehe nicht. Meinen Sie, weil die RAF das immer gelesen hat?
Dr. Burzer: Nun, die Leichen auf dem Friedhof, würden Sie die als links bezeichnen?
Interviewerin: Die von der RAF? Ich glaube nicht.
Dr. Burzer: Und der Schmerz, und der Schrei aus innerstem Herzen, ist der links?

aus: “Interessante Leute im Interview – Links”

geb. 1969. Schriftsetzerlehre und Abitur an der Abendschule. Mitarbeit an der Reformbühne “Heim & Welt”. Seit 1997 Bühnenshow RADIO HOCHSEE. Lebt als Buchautor, Journalist und Vortragsreisender in Berlin. www.Falko-Hennig.de

Veröffentlichungen u.a.: “Radio Hochsee” (2004), “Trabanten” (2002), “Alles nur geklaut” (1999) und in zahlreichen Anthologien wie “Berlin im Licht” (2004), “Wahlverwandtschaften” (2002), “Wilder Osten” (2002) uvm.

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Alexander Pfeiffer

Mein Kaffee kommt in einem weißen Plastikbecher vor mir auf dem gläsernen Tresen zu stehen, schwarz und nach Straßenteer stinkend. Meine Augen verlieren sich in der Brühe wie in einem schwarzen Loch. Wissen Sie, wie das ist mit schwarzen Löchern? Man wird in sie hineingesaugt, aufgesogen vom Nichts, zerlegt in seine Atome und Moleküle, neu zusammengesetzt und wieder ausgespieen. Etwas ganz ähnliches habe ich erlebt in diesen zurückliegenden Tagen.

aus: “So wie durchs Feuer hindurch”

geb. 1971 in Wiesbaden, lebt ebendort als freier Autor, Literatur-Veranstalter, Moderator und Aushilfstaxifahrer. Vorsitzender des Landesverbands Hessen im Verband deutscher Schriftsteller (VS). Regelmäßige Lesungen in ganz Deutschland, zum Teil mit Dia- und Musikbegleitung (Live oder als DJ-Set). Von 1998 bis 2006 Organisation der Literaturreihe “Where the wild words are” mit Lesungen, Poetry Slams und DJs. Seit 2007 Gastgeber der Literatur-Lounge SPEAK TANK im Wiesbadener Club “Gestüt Renz”. www.alexanderpfeiffer.de

Veröffentlichungen: “So wie durchs Feuer hindurch” (2006), “Im Bauch der Stadt” (2005), “LieblingsLieder” (2004), “Aufzeichnungen aus der Zwischenwelt” (2002), “Inner City Blues” (2001).

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Katrin Bongard

Der erste Schultag übertraf meine schlimmsten Erwartungen. Ich lernte: Man darf aus Bayern kommen, man darf teure Designerklamotten tragen, man darf sich im Cabrio der Mutter vor der Schule absetzen lassen, und man kann sich vermutlich auch mit dem Sitzenbleiber der Klasse anlegen, aber wenn dies alles am ersten Tag passiert, dann hat man ganz schnell ein großes Problem.

aus: “Radio Gaga”

geb. 1962 in West-Berlin. Sie lebte nach dem Abitur in einem besetzten Haus, gründete eine Ateliergemeinschaft, studierte Kunstgeschichte und interessierte sich fürs Drehbuchschreiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Potsdam, wo sie eine kleine Filmfirma besitzt. Ihr 2005 erschienener Jugendroman “Radio Gaga” wurde mit zahlreichen Preisen bedacht, unter anderem 2006 mit dem rheinland-pfälzischen Jugendbuchpreis “Goldene Leslie”. 2006 erschien die Fortsetzung “Radio Gaga on Air”.

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Anna Stein

meine zeilen sind jung
das gedicht
fordert
mit jeder zeile
ein geprüftes stück
leben
neben der anrichte
im flur
stehen
die ausgetretenen stiefel
vom letzten winter
die tragen
die kälte
meiner füße
von dreiundsiebzig tagen

geb. 1986 in Mainz, Abitur an der Mainzer Maria Ward-Schule, seit WS 2005/06 Studentin der Kunstgeschichte und Kath. Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg/Breisgau. 2003 Preisträgerin beim Jugendliteraturwettbewerb der europäischen Kulturhauptstadt Graz. Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften und im Internet.

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Jürgen Kross

kühlt ab.
des
wassers dunkelheit ist leise.

setzt winter drauf
sich
wem in fremde fort.

aus: “grenzverlauf”

geb. 1937 in Hirschberg/Schlesien. Ausbildung zum Fernsehredakteur beim ZDF; lebt als Autor und selbstständiger Buchhändler in Mainz. Zahlreiche Veröffentlichungen im In- und Ausland. Veröffentlichungen u.a.: “grenzverlauf2  (2007), “schneelicht”  (2005), “fremdgut” (2004), “höllenglut” (2002).

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