Archiv für das Jahr: 2007

Ingmar Weber

Der Wächter

Im Stadion de St. Germain, Paris

Sein Blick ist vom Herüberschwirrn der Bälle
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob er tausend Bälle stelle
und dazu noch den Rest der Welt.

Der weiche Flug geschmeidiger Paraden,
der sich zum allerschwersten Schuß noch streckt,
ist wie ein Tanz von Kraft um Gegners Waden,
in dem betäubt ein großer Wille steckt.

Nur manchmal wehrn die Pranken großer Hände
den Torschuß ab –. Doch geht der Ball hinein,
geht auch der Glaube an glorreiches Ende –
und hört im Herzen auf zu sein.

geb. 1973, studierte Buchwissenschaft, Germanistik und Geschichte in Mainz und Glasgow. Seit 2003 arbeitet er in einem Frankfurter Verlag. Er ist Herausgeber des Fußball-Legespiels “Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor” sowie von “Augen in der Großstadt”, einem Auswahlband zum Werk von Kurt Tucholsky.

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Agapi Mkrtchian

Ich bin die wunde Stelle
zwischen Orient und Abendland;
in mir streiten
die Hingabe des Orients
und der Individualismus des Abendlandes.

aus dem Gedicht: “Zwischen Orient und Abendland”

geb. 1956 in Armenien. Nach ihrem Germanistikstudium in Jerewan, Jena und Frankfurt am Main arbeitet sie seit 1993 als Lehrerin in Wiesbaden. Sie schreibt Erzählungen und Gedichte für Kinder und Erwachsene. Die Auseinandersetzung mit den Gefühlen und Wünschen des Menschen in der Fremde und seine Zerrissenheit zwischen dem Leben in seiner neuen und alten Heimat bilden einen besonderen Schwerpunkt ihrer Texte.

Veröffentlichungen u.a.: “Meine andere Hälfte. Märchen und Poesie aus Armenien” (2006), “Märchen für Kinder und Erwachsene” (2006, übersetzt ins Armenische), “Auszug aus dem Leben eines Einwanderers” (2004, übersetzt ins Armenische).

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Wolfhard Klein

Miguel grübelte. Es mußte einen konkreten Zusammenhang zwischen den Mordfällen geben, zwischen den Erstochenen in Es Cubells und im Club Feliz sowie dem Erhängten in Santa Ines. Es mußte einen gemeinsamen Nenner zwischen den Toten und den Überfällen geben. Wenn er wenigstens eine Spur des Peruaners hätte. Die verdeckte Fahndung war erfolglos. Der Mann schien vom Erdboden verschluckt. Der Anruf, der ihn aus seinen Gedanken riß, kam aus Es Cubells. Miguel hörte zu. „Ich komme“, sagte er knapp.

aus: “Schwarzgeld Ibiza”

geb. 1949 in Hagen/Westf., lebt in Jugenheim/Rheinhessen. Studierte Publizistik, Soziologie und Sport. Journalist. Programmchef SWR4 Rheinland-Pfalz. Schreibt Sachbücher, Hörspiele, Krimis und Gedichte. Er erhielt mehrere Preise, 1987 den Herbert Quandt-Medienpreis, 1988 einen der Fachinger Kulturpreise, 1995/96 den Propst Reinhard Becker-Preis und 2006 den Medienpreis Radio. Mehrere Veröffentlichungen, zuletzt in der éditions trèves die Krimis “Schwarzgeld Ibiza” (2006) und “Flughafen Ibiza” (2004).

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Gerd Forster

Der alte Frühling

Zuerst, als er merkt, dass es höchste Zeit ist,
findet er sein blaues Band nicht gleich.

Dann beim Versuch, es flattern zu lassen,
verheddert er sich fortwährend in den Schlingen.

Rentner stehen herum mit eingefroren Knien
und blicken ungeduldig in die Luft.

Schallendes Gelächter vorbeirennender Kinder.
Doch alles hat mit all dem nichts zu tun.

Aus: “Fliehende Felder”

Gerd Forster, geb. 1935 in Ludwigshafen, Gymnasiallehrer i.R., Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift “Chaussée”. 1977 Pfalzpreis für Literatur, 1999 erster Writer in Residence am Zentrum für deutsche Studien der Ben-Gurion-Universität in Israel. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt: “Fliehende Felder” (Gedichte 2006), “Tod auf der Orgelbank” (Kriminalgeschichten 2004).

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Axel Sanjosé (Text) / Wolfgang Beck (Musik)

Zwiebeln
Lebensmittellyrik IX

Ob in Städten oder Käffern
kannst du salzen, kannst du pfeffern.
In der Fremde und bei Muttern
darfst du zuckern, darfst du buttern.
Durch die Wüste, unter Geiern,
mußt du gurken, mußt du eiern.
Wassern, weinen, ölen, aalen,
wursteln, semmeln, linsen, dillen …
aber unter deutschen Giebeln
ist es kaum noch schick zu zwiebeln. […]

aus: “Titanic” 9/2002

Axel Sanjosé: geb. 1960 in Barcelona/Katalonien, lebt und arbeitet in München. Letzte Veröffentlichung: “Gelegentlich Krähen”, Gedichte (2004).

Wolfgang Beck: geb. 1961 in Mainz, lebt in Mainz. Studium Psychologie, Chorleitung in Mainz. Arbeitet freiberuflich für einen Frankfurter Verlag und eine psychiatrische Praxis. Veröffentlichungen: “Musik machen – Musik verstehen” mit Werner D. Fröhlich (1992).

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Ilija Trojanow

Manchmal rülpste die pralle Stadt. Alles roch wie von Magensäften zersetzt. Am Straßenrand lag halbverdauter Schlaf, der bald zerfließen würde. Ein Löffel schnitt durch das Fleisch einer überreifen Papaya, Fußsohlen schwitzten auf dem Heimweg vom Markt Koriander aus. Er wußte nicht, was ihn eher anwiderte, die Meeresbrise, zur Ebbe faulig von Algen und gestrandeten Quallen, oder die Düfte des moslemischen Frühstücks, aus Innereien von Ziege, auf kleinen Öfen gebrutzelt. Der Pfad der Menschheit war gepflastert mit tückischen Verlockungen.

aus: “Der Weltensammler”

geb. 1965 in Sofia. 1971 floh er mit seiner Familie nach Deutschland und zog 1972 weiter nach Kenia. Von 1985-89 studierte er Rechtswissenschaften und Ethnologie an der Universität München. Gründer des Kyrill & Method Verlags (1989) und des Marino Verlags (1992). Nach mehrjährigen Aufenthalten in Bombay und Kapstadt lebt er heute in Mainz. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis (2000) und dem Preis der Leipziger Buchmesse (2006). 2007 ist Ilija Trojanow Mainzer Stadtschreiber.

Veröffentlichungen u.a.: “Der Weltensammler” (2006), “An den inneren Ufern Indiens” (2003), “Hundezeiten” (1999), “Autopol” (1997), “Die Welt ist groß und Rettung lauert überall” (1996).

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Gabriele Böhning

Ganz dicht

Der Dichter dichtet sich durch’s Leben
Wo And’re rackern mühen streben
Lässt er nur seine Zeilen fallen
Vom hehren Reim zum naiv Lalllen
Reicht seine Arbeit die ganz ehrlich
Für viele Bürger auch entbehrlich
Der Dichter dichtet sich durch’s Leben
Er kann nicht anders – so ist es eben . . .

geb. 1948 in Borgholzhausen. Drogistin, Journalistin. Seit 1995 freie Schriftstellerin. Seither zahlreiche Lesungen. Fünf Einzelveröffentlichungen und Beiträge in zahlreichen Anthologien. Schwerpunkt Lyrik – außerdem Kurzgeschichten, Märchen, Satire. Auszeichnungen für Lyrik und Satire. Vertonung und Aufführung von Gedichten als Chorwerke. Lebt und arbeitet in Hofheim/Ts.

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Sabine M. Krämer

“Ein anderer Sonntag. Alles ist doch ganz normal. Alles wie früher. Der Weg geht zum Berg rauf. Sie halten sich an den Händen, so ein schöner Tag. Da sitzen sie oben nebeneinander auf einer Bank und schauen ins Tal. Sie sieht ihn von der Seite an. Er hat sich Dornen auf die Stirn geklebt als Hörner. Sie versucht ihn zu küssen, er wehrt sie ab und beide lachen […]“

aus: “Wie Immer. Alf.”

geb. 1972 in Trier, lebt seit 1992 im Raum Würzburg. Studium der Germanistik, Geschichte und Sonderpädagogik. Jobs als Altenpflegerin, Wäschereiangestellte, Köchin, Barkeeperin und Putzfrau. 2002 – 2004 Ausbildung zur Altenpflegerin. 1991 unter den Gewinnern beim Treffen Junger Autoren in Berlin. 1995 Martha-Saalfeld-Preis für die Erzählung “Winter”. 1997 Förderpreis zum Staatspreis des Landes Rheinland-Pfalz für junge Künstler, Amsterdam-Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben, 2000/2001 Stipendiatin im Künstlerdorf Schöppingen (NRW). Diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, ‘”Hurensohn” (Lyrik-Drama, 1997) und “Vor Morgen” (Erzählung, 1997) veröffentlicht im Ventil-Verlag Mainz.

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Heinz G. Hahs

So sind wir Suchende. Kreuz und quer trippelt er vor sich hin, hängenden Hauptes. Oder er versenkt seinen Kopf in den Wäschepuff, zwängt ihn unters Bett, klemmt ihn hinter die Schrankwand. Frag ihn nicht; er sucht das Weite.

geb. 1934 in Köln, lebt in Mainz. Gymnasiallehrer i. R. Literarische Arbeitsgebiete: Lyrik Prosa. Letzte Veröffentlichungen: “Hafenkonzert” (2005), “Besuchsweise” (2001).

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Tobias Hülswitt

In der Mitte meines Ateliers bleibt er stehen und sagt seinen Namen, den ich nicht richtig verstehe. Er wiederholt ihn, und noch immer verstehe ich ihn nicht. Er wird ungeduldig und beginnt von neuem zu schreien, und endlich verstehe ich “Herr Minister”.
“Herr Minister?”, frage ich.
“Mister! Mister!”, kreischt er und streckt mir seinen kleinen Zeigefinger entgegen.
“Ich?”, frage ich.
“Herr Mister! Das ist mein Name: Herr Mister!”
“Herr Mister?”
Er nickt zufrieden. “Exakt. Alle Menschen hören auf Herr Mister.”
„Auf Herrn Mister“, korrigiere ich.
„Alle Menschen hören auf Herr Mister!“
“Was soll denn das bedeuten?”, frage ich, doch er beachtet mich nicht.

aus: “Der kleine Herr Mister”

geb. 1973 in Hannover, lernte Steinmetz und lebt als freier Autor in Berlin.
Veröffentlichungen: “Der kleine Herr Mister” (2006), “Ich kann dir eine Wunde schminken” (2004), “Saga” (2000).

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