Archiv für das Jahr: 2008

Marion Schadek

VORGESCHICHTE

Mittwoch, 23. April, gegen 17 Uhr

Tom Rüdiger parkt seinen blauen Opel vor dem Sender. Der Latein- und Sportlehrer hofft
herauszufinden, ob es hier Praktikumstellen für seine zehnte Klasse gibt. Als er auf die Eingangstür zusteuert, hört er hinter sich Schritte. Tom Rüdiger wirft einen Blick über die Schulter und sieht gerade noch eine Gestalt, die auf ihn zustürmt. Dann spürt er einen Lappen, der einen stechenden Geruch ausströmt, auf seinem Gesicht. Um ihn herum wird alles schwarz.

aus: „Joe de Mayence und der verschwundene Lehrer“

geb. 1968, hat Anglistik, Politikwissenschaft und Sinologie in Göttingen studiert, bei dpa in Frankfurt volontiert, Filme für den SWR gedreht, als Redakteurin für die Rhein Main Verlagsgruppe gearbeitet und bei Multimedia-Projekten der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz mitgewirkt. Seit mehreren Jahren arbeitet sie als Bildredakteurin für eine internationale Nachrichtenagentur in Frankfurt. Ihre erste Kurzgeschichte „Small Talk mit Herrn Gott“ erschien 1993, ein Roman folgte 2002 mit der Mediensatire „Mainzer Scharade“. Im Frühjahr 2006 startete sie www.joe-mayence.de, eine Mainzer Internet-Literaturseite für Kinder (und Eltern) mit Buchbesprechungen, Geschichten und Berichten rund ums Lesen und Lernen.

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Moritz Heger

Draußen an der Hauswand liegt gefesselt der kleine Baum, den ich gekauft habe. Das duldet die Hausverwaltung, bei Sperrmüll wäre es was anderes. Im Kellerverschlag, der zum Apartment gehört, sind in einer Schuhschachtel ein paar bleiche Strohsterne, die waren preiswert letztes Jahr, und zwei sorgsam eingewickelte mundgeblasene Kugeln. Rötlich die eine, mit bräunlichen Schlieren, die andere in unregelmäßigem Ocker mit gelben Sprenkeln. Jede für sich sehr schön. Aber zwei Kugeln kann man anordnen, wie man will, es sieht immer löchrig aus. Natürlich könnte ich weiteren Schmuck selber machen, aus buntem Papier oder so. Es ist kurz nach drei. Den ganzen Nachmittag und Abend könnte ich hier am Schreibtisch sitzen und liebevoll irgendwas ausschneiden. Irgendwas auf irgendwas draufkleben; auch als Erwachsener schaffe ich es nicht, Uhu zu benutzen, ohne ihn danach von den Fingern reiben zu müssen.

aus: „In den Schnee“

geb. 1971 in Stuttgart, studierte Germanistik, evangelische Theologie und Theaterwissenschaften in Mainz. 2007 erhielt er den MDR-Literaturpreis und den dazugehörigen Publikumspreis; 2003 den Literaturförderpreis der Stadt Mainz. Er lebt als Gymnasiallehrer für Deutsch und Evangelische Religion in Stuttgart.

Veröffentlichungen u.a.: „In den Schnee“ (Roman. Salzburg: Jung und Jung 2008), „Ins Schwimmbad“, in: Michael Hametner (Hg.): „Die Zusammensetzung der Welt. Die besten Kurzgeschichten aus dem 12. MDR-Literaturwettbewerb“ (2007), „Nürn (Ausschnitt)“, in: „Kritische Ausgabe“ (Winter 2006/07), „Fannys Akzent“, in: „neue literarische pfalz“ (27/1999).

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Hubert Neumann

„Stellen Sie sich mal vor, Sie joggen ahnungslos durch den Wald und sehen dann jemanden am Baum hängen. Schrecklich! Und wer weiß, wie lange die Leiche dort hing? Die Kräfte der Verwitterung tun da schon das ihrige! Bestimmte Körperpartien sind mumifiziert, zumindest verschrumpelt, die unteren Gliedmaßen stark gangränös, faul, schwarz und von Maden zerfressen, Gesicht und Hals von Tierfraß teilweise skelettiert. So etwas ist keine Augenweide, das sage ich Ihnen. Davon erholen Sie sich nicht mehr so schnell!“

aus: „Lusthängen“

Hubert Neumann ist Historiker, Dozent für wissenschaftliches Schreiben und Autor. Im Rahmen der Mentalitäts- und Historischen Kriminalitätsforschung untersuchte er in einer Fallstudie (Sozialdisziplinierung in der Reichsstadt Speyer im 16. Jahrhundert. St. Augustin 1997) Zivilisierung und Disziplinierung des frühneuzeitlichen Menschen. Dies führte ihn u. a. zu seiner historischen Trilogie “Wolkenschieber”, für die er 2001 den Martha Saalfeld-Förderpreis erhielt. Mit dem grotesken Kriminalroman “Lusthängen” verlässt er die historische Umgebung und begibt sich in die Gegenwart, wo er den Tiefen oder auch Abgründen der Folgen dieses Disziplinierungsprozesses nachspürt.

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Andreas Lehmann

Wäre sie gefragt worden, wonach sie sich eigentlich sehne, hätte sie nichts zu antworten gewusst. Aber natürlich fragte sie niemand, und das war eines der Dinge, die sie der Welt zum Vorwurf machte.
Seit die Wohnung im Haus gegenüber leer stand, war Karen unruhig. Schon den Auszug der alten Mayer hatte sie mit nervösem Interesse verfolgt, hatte vom Fenster aus zugesehen, wie die jungen Männer des Umzugsunternehmens Möbel, Kisten und Kartons an die Straße trugen und in den Lastwagen hievten. Die Mayer war Mitte sechzig, und Karen wusste nicht, warum sie fortging; sie sprachen kaum noch miteinander. Die vorher so lebhafte Frau hatte sich von einem auf den anderen Tag ganz zurückgezogen und die Wohnung fast nicht mehr verlassen. Die Rollläden waren oft tagelang heruntergelassen, der Garten verwahrloste. Und dann war der Laster gekommen, und Karen hatte zugesehen, wie ein ganzes Leben an den Straßenrand getragen und fortgeschafft wurde.

aus: „Nebenan“

geb. 1977 in Marburg, studierte Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik in Mainz. Augenblicklich Arbeit als Verlagsvolontär in Darmstadt. Bislang Publikation von Gedichten und Erzählungen in Anthologien und Zeitschriften, u. a. in „sprachgebunden“, „keine delikatessen“ und „entwürfe für literatur“. 3. Platz beim Literaturförderpreis der Stadt Mainz 2007.

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Ulf Stolterfoht

“halb vier am morgen, graupelschauer – am südheimer platz
ist es nie zu früh für ein bier. introspektion: leicht beschleu-
nigter puls, urplötzlich einsetzende gedanken, anflug von
euphorie. zum zweiten bier ein obstler: gesteigertes körper-
empfinden, zärtliche gefühle gegenüber zwei älteren taxlern
am nebentisch. zirkulierendes blut. gesamtzustand gut.”

aus: „holzrauch über heslach“

Ulf Stolterfoht, geb. 1963 in Stuttgart. Nach dem Abitur Zivildienst, dann Studium der Germanistik und Allgemeinen Sprachwissenschaft in Bochum und Tübingen. Seit 1994 lebt er in Berlin. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen bedacht u.a. Anna-Seghers-Preis 2005, Alfred-Gruber-Preis beim Lyrikpreis Meran 2006, Stipendiat der Villa Massimo in Rom 2007 und Peter-Huchel-Preis 2008.

Veröffentlichungen u.a.:
“holzrauch über heslach“, (Basel: Urs Engeler 2007), „traktat vom widergang“ (Ostheim / Rhön: Peter Engstler 2005), „fachsprachen XIX-XXVII“ (Basel: Urs Engeler 2004), „para-schwarte ‚schaut auf diese haut’“ (Künstlerbuch mit Micha Brendel, Berlin: Peter Warnke 2004), „fachsprachen X-XVIII“ (Basel: Urs Engeler 2002), „fachsprachen I-IX“ (Basel: Urs Engeler 1998).

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Rebecca Nordin Mencke

vielleichter

seine blasse haut, sie sonnengebräunt, oder umgekehrt; ihre blauen augen, seine grauen, ihre grünen, seine braunen, ihr feuerrotes haar, sein braunes oder ihr braunes, hochgesteckt oder ihr schwarzes, sein blondes haar, ganz kurz oder länger als ihres oder ihres ganz lang

ich muss auch gleich wieder weg, sagt sie.
ich muss auch gleich wieder weg, sagt er.

Rebecca Nordin Mencke, geb. 1989 in Seeheim-Jugenheim (bei Darmstadt), Abitur 2008 in Darmstadt. Preise u.a.: Darmstädter Lyrikpreis für SchülerInnen 2006, Treffen Junger Autoren 2006, Zentrum junge Literatur/ Textwerkstatt 2006/07 bei Kurt Drawert, Literatur Labor Wolfenbüttel 2007. Veröffentlichungen in Anthologien: „Ganz nah gegenüber“ (Berlin 2007), „Destillate. Literatur Labor Wolfenbüttel“ (2007).

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Andreas Noga

oktober

die touristen sind fort sie flogen
in den süden auf bahnen
die kein kameraauge begleitet

einheimische bleiben
mischen sich in den winter
ein von dem sie nicht wissen

in welcher wolkenlosen nacht
er ihr luftiges lager
wieder mit frost umstellt

am tag schaukeln die blätter sich
noch warm die sonne
ist bescheiden atemlos

ihr milder flügelschwung der schatten
trägt schon jacke distanziert und kühl
schlägt er den kragen hoch

auf der hauswand sitzen fliegen
mit kurzen ärmeln
im mittagslicht

aus: „Bernsteinäugiges Fellchen“

geb. 1968 in Koblenz, lebt seit 1999 in Alsbach (Westerwald). Lyrikredakteur der Zeitschrift „Federwelt“. Freier Mitarbeiter der Lyrikzeitschrift „Faltblatt“. Schreibt Lyrik, Rezensionen, poetologische Essays, Kurzprosa und hält Lesungen. Zahlreiche Veröffentlichungen in Kalendern, Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien und im Internet. Mitglied im „Verband deutscher Schriftsteller (VS)“ und im „Bundesverband junger Autorinnen und Autoren (BVjA)“. Drei Einzeltitel: „Hinter den Schläfen“, (Gedichte Itzehoe: edition bauwagen 2000), „Nacht Schicht“ (Gedichte, Sistig / Eifel: Edition YE 2004) und „Bernsteinäugiges Fellchen“ (Alf / Mosel: Rhein-Mosel-Verlag 2007).

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Petra Urban

Meine Worte bleiben aus, verstecken sich.
Und auch ich möchte mich verstecken, vor dem so weißen Blatt Papier auf meinem Schreibtisch und vor diesem Winter, der grau und ohne Schnee vor mein Fenster gekommen ist und bereits am Nachmittag eine Dunkelheit verbreitet, wie die Großstadt sie nicht kennt.
Es ist, als wolle dieses Rabenschwarz mich auffressen, mitsamt meinen Worten, meinen ungeborenen, als wolle dieses gähnende Dunkel da draußen mich verschlingen.
Ich sehne mich nach Licht, wie nie zuvor in meinem Leben. Diese Stadt ist eine Gruft. Nichts anderes.
„Komm zurück!“, rät mir eine Freundin am Telefon.
Aber ich mag nicht weggehen von hier, mag meine Träume nicht im Stich lassen und meinen Wunsch zu schreiben nicht verraten.

Aus: „Von Reben umgeben. Warum ich mir in Bingen ein Haus gekauft habe“

geb. 1957 in Dohna/Pirna. Promovierte Literaturwissenschaftlerin. Seit 1992 lebt sie in Bingen am Rhein, wo sie, gemäß ihrem Motto „Kräfte bündeln“, regelmäßig Lesungen und Ausstellungen mit Künstlern aus der Region veranstaltet. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen, zudem Vorträge zu literarischen und lebensphilosophischen Themen; bietet Seminare für „Kreatives Schreiben“ und „Literatur als Lebenshilfe“ an. Für ihren demnächst erscheinenden Roman bekam sie 2007 den Martha-Saalfeld-Förderpreis.

Veröffentlichungen u.a.:
Die Romane „Die Maulwürfin“ und „Septemberlicht“, die Kurzgeschichten „Kassenkampf und  Musenkuss“, die Erzählung „Von Reben umgeben“.
www.petraurban.de

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Florian Vetsch

Auf das Lächeln von Bouchra

Brillantin über die Stirn gefunkelt
Fallen weisse Blüten bis zum Nabel
Der Punkt auf dem Rücken
Wandert in die verwitterten
Zehen & die rote Zunge spricht:
„Gott ist Licht“, & ungefähr so
Sagt das auch der grosse Ibn Arabi

geb. 1960 in Buchs im Rheintal. Studium der Germanistik, Philosophie und Literaturkritik an der Universität Zürich. Promotion zum Dr. phil. über Martin Heidegger. Seit 1985 Gymnasiallehrer Deutsch und Philosophie. Übersetzer- (u.a. Paul Bowels, Ira Cohen) und Herausgebertätigkeiten. Beiträge in verschiedenen Literaturmagazinen und Zeitungen, darunter „Kozmik Blues“, „Lettre International“, „Neue Zürcher Zeitung“, „Der Sanitäter“.

Veröffentlichungen u.a.:
„Die Feuertränke. Ausgewählte Gedichte 1984-1997“ (Herdecke 2002), „Tanger Telegramm / Reise durch die Literaturen einer legendären marokkanischen Stadt“, Hrsg. zusammen mit Boris Kerenski (Zürich 2004), „Sein Girlitz heisst Mozart. Eine Begegnung mit Mohamed Choukri“ (St. Gallen 1998), „Antäisches Kraftfeld. Paul Bowles in Tanger“ (St. Gallen 1998, 1999).

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Henriette Clara Herborn

Es hatte alles mit dem Hamster begonnen. Seine Eltern hatten ihm den Hamster zum Geburtstag geschenkt. Jetzt stand Henri vor dem Käfig und starrte auf den kleinen, verdrehten, reglosen Körper am Käfigboden. […] Was ist denn das?, hatte Henris älterer Bruder Ben über den Käfig gebeugt gefragt. Henri hatte versucht, sich zwischen Ben und den Käfig zu schieben. Mein neuer Hamster, hatte er leise gemurmelt. Ben hatte gelacht. Nur Henri angestarrt und gelacht. Und Henri hatte genau gewusst, was dieses Lachen bedeutete. Er gab dem Hamster keinen Namen. Den anderen hatte er auch nur drei Wochen lang gehabt. Dann war er unter mysteriösen Umständen gestorben.

aus: „Henris Welt“

Henriette Clara Herborn, geb. 1978 in Mainz, 1997 Abitur, 1997-2000 Reisen inklusive Bürgerkrieg in Uganda, Kongo ohne Visum, 800 km Camino Santiago zu Fuß und durch die Sahara auf einem Dromedar. 2006 Magistra Artium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität, Mainz. 2005 „Zufall- Erzählungen“ (Rhein-Mosel-Verlag), 2007 Förderpreis für Literatur der Stadt Mainz für die Erzählung „Henris Welt“, 2008 „Henris Welt – Erzählungen“ (Brandes & Apsel). Lebt und arbeitet als freie Autorin und Filmprüferin der FSK in Mainz.

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