Jürgen Heimbach

Juni 11, 2008 | Comments Off

Der Hausmeister schaut ungläubig. Solchen Lerneifer kennt er eigentlich nicht von den Schülern.
Vulkan hält ihm die Kamera vor die Nase, aber so, dass er den kaputten Monitor nicht sehen kann.
„Einen Film drehen?“ Der Hausmeister ist ein skeptischer Mensch. An Schulen müssen Hausmeister skeptische Menschen sein.
„Auf dem Johannisfest? Für Herrn Paul?“
Herr Bergher grübelt. Vulkan kann nicht ruhig stehen bleiben, ständig ist er in Bewegung.
„Ein Film übers Johannisfest? So, so. Macht ja keiner. Jeder Dreck wird gezeigt. Aber unser schönes Johannisfest. Nee, das habe ich im Fernsehen noch nie gesehen. Ihr müsst den Film im Fernsehen zeigen. Das musst Du mal dem Herrn Paul sagen. Ganz bestimmt!“
„Haben Sie den Schlüssel für die Photo AG?“ fragt Vulkan ungeduldig.
„Junge“, antwortet der Hausmeister, „es gibt keinen Schlüssel, den ein Hausmeister nicht hat, und kein Schloss, das er nicht öffnen kann. Folge mir!“
Der Mensch ist ein seltsames Tier, sagt sein Vater manchmal, und jetzt weiß Vulkan, was er damit gemeint hat. Er sollte einen Film über den Hausmeister als Mainzer Persönlichkeit machen.
Sie gehen durch das Gebäude zu den Räumen der Photo AG. Der Hausmeister schließt die Tür auf.

aus: „Johannes’ Nacht“

geb. 1961 in Koblenz, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft und Philosophie in Mainz, Regieassistent, Regisseur einer freien Theatergruppe, Mitgründer und Betreiber eines Theaters (darK.-Halle) in Mainz, Ausstellungstätigkeit, seit 1995 Redakteur bei 3sat und Theaterkanal, div. Jurytätigkeiten

Veröffentlichung:
„Johannes’ Nacht“ (Jugendroman, Frankfurt: Societäts Verlag 2008).