Jun
25
Wanja Wiese
Juni 25, 2008 | Comments Off
Bereits als Säugling hatte er nur einen Wunsch: Er wollte. Er wusste zwar nicht, was er wollte, aber er wusste, dass er es wollte, und es sollte sich bloß keiner einbilden, dass er teilen würde. Leider gab es nicht viel zu wollen, zumindest verglichen mit dem, was er gewollt hätte, wenn er gewusst hätte, was er wollen sollte, denn dann hätte er den Weltfrieden gewollt, nur für sich allein, oder die Weltherrschaft, doch kurz nach der Geburt musste er wollen, was er kriegen konnte, und das war zunächst vor allem Luft, also wollte er atmen und er atmete. Die Luft stank nach Nachgeburt und Kot und das wollte er nicht, also wollte er schreien und er schrie und es gefiel ihm und er wollte noch mehr schreien und er schrie noch mehr und das Mehrschreien machte noch mehr Freude und er wollte noch mehr Freude und noch mehr schreien und er wollte den Mund besonders weit aufreißen, um besonders laut schreien zu können, als ihm ein fleischiger Stöpsel in den Mund gestopft wurde.
aus: „Der Wille zum Wollen“
geb.1983 in Moers am Niederrhein. Seit 2004 Studium der Philosophie und Mathematik in Mainz. 2006: Gründung der Schreibgruppe Schrödingers Katze (Hochschulgruppe an der Uni Mainz). 2007: 2. Platz beim Literaturförderpreis der Stadt Mainz für junge Autorinnen und Autoren, 3. Platz beim Theaterwettbewerb des BDAT. Seit 2008: Mitglied der Mainzer Autorengruppe.
Veröffentlichungen: „Das Papayaparadies und andere Texte“ (Hörbuch, erschienen im Boosch-Verlag).