Archiv für das Jahr: 2009

Ruth Johanna Benrath

Sie beschließt, Lisa einen Brief zu schreiben. Aus dem Ranzen kramt sie die Bibel heraus, die sie für den Religionsunterricht immer mitschleppen muss, und deponiert sie neben sich auf dem Bett. Sie schlägt das Hohe Lied auf. Dann schnappt sie sich einen Briefblock, lehnt sich mit angezogenen Knien an die Wand und fängt an zu schreiben. Liebe Lisa, ich will dich nicht verlieren. Marie hält inne, beim Lesen kommt ihr dieser Satz zu direkt vor. Nicht mit der Tür ins Haus fallen, mahnt ihre Mutter immer. Vielleicht würde es Lisa freuen, wenn sie für sie ein Gedicht verfassen würde. Sie denkt an Lisas Brüste.

aus: »Rosa Gott, wir loben dich«

geb. 1966 in Heidelberg, aufgewachsen in Mainz, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte in Heidelberg. Sie war Mitbegründerin der »Literaturoffensive«. 2008 wurde sie mit dem Döblin-Stipendium der Akademie der Künste in Wewelsfleth und dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg im Künstlerhaus Wiepersdorf ausgezeichnet. Neben der Arbeit an Kunstprojekten veröffentlicht sie in Zeitschriften und Anthologien. 2009 erhielt sie den Martha-Saalfeld-Preis des Landes Rheinland-Pfalz.

Veröffentlichungen: »Rosa Gott, wir loben dich« (Steidl 2009), »Kehllaute« (Lyrik und Kurzprosa, Lunardi Verlag 2007).

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Astrid Bauer

„Hätte ich nur einen anständigen Beruf gelernt.“ Kriminalhauptkommissar Jonas von Arnim atmete tief aus und trat einen Schritt zur Seite.
„Wer hätte gedacht, dass der alte Mann so viel Blut in sich hätte?“, bemerkte Lucien Thill, der Gerichtsmediziner, ohne aufzublicken.
„Shakespeare, Macbeth?“, fragte von Arnim.
„Ja“, antwortete Thill.
„Ich dachte immer, Sie kennen sich nicht aus mit Theater“, meinte Marie Stedekamp von der Spurensicherung zu von Arnim.
„Das habe ich ja auch nicht behauptet.“ Er drehte sich zu ihr um. „Aber meine Schwester hat die Lady mal gelernt“, fügte er erklärend hinzu. Dann erkundigte er sich: „Wie alt war er denn?“
„Mitte vierzig“, sagte Marie. Von Arnim seufzte leise.
Der Anblick, der sich am Tatort bot, war grauenhaft. Der Tote lag im Schlafzimmer auf dem Bett. Alles um ihn herum war dunkelrot durchtränkt. Auch auf dem Fußboden hatte sich das Blut ausgebreitet. Der Mann lag leicht zur Seite geneigt und erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, was von Arnim nicht fassen konnte: Jemand hatte ihm den Kopf abgeschlagen.

aus: „Sängersterben“

geb. 1980, studierte Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie in Mainz. Lebt und arbeitet in Gießen. Ihr erster Krimi „Sängersterben“ erschien 2008 bei Books on Demand.

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Alexander Langer

An diesem Abend fiel mir wieder Fredericks Gehirnerschütterung ein. In der Zeit, in der wir nicht miteinander gesprochen hatten, war er in einen Autounfall geraten, und man sagte, dass er danach ein anderer geworden wäre. Die Leute sagten Gehirnerschütterung, meinten aber vielmehr Frontalzusammenstoß mit Spätfolgen, sie sagten Gehirnerschütterung und meinten eigentlich Ansprachen in Vertretung des Bürgermeisters im Gymnasium vor Achtklässlern, bei denen Frederick mit glänzenden Augen von allem schwärmte, was schnell, hart und vor allem geil war, bei denen er außerdem zur Ausbildung an der Nachttankstelle riet; die Leute meinten Aufenthalte in Doktor Friedemanns Sanfter Klinik im Wald, wo, ich habe es gesehen, die Patienten die Blätter an den Bäumen streicheln, und an dem Abend, an dem Karla mich das erste von zwei Malen überraschte, erschien mir mein Freund Frederick als alter Mann.

aus: „Sie kamen aus dem Nebel“

geb. 1980 in Kassel.
Hobbies: Sport und Geschichten schreiben. Arbeitet als Freizeitanimateur am Bodensee.

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Sonja Ruf

Viertausend Jahre. Beschwörung oder Verwünschung. Als Sprache noch magische Handlung war. Pubertät der Menschheit. Die Klitoris der Kopf eines Vogels in einer Ackerfurche. Den Feind soll es dorthin verschlagen, wo Männer haarige Ärsche haben; der Geliebte soll bald in die Schenke kommen.
Alle Poesie ist Erotik. Eine Hand streichelt über etwas und heilt es. Schön oder hässlich. Die Handlung der Poesie ist magische Berührung. Nein. Nicht Streicheln: Nehmen. Nehmen. Von Anfang an. Es mangelt Essen. Mangelt Trinken. Mangelt Erkenntnis. Und Sex. Uns heute hier mangelt weder Essen noch Trinken. Wie kennen Erkenntnisunrast und Lust.
Aufgeregt bin ich. Froh. Bestätigt. Wenn mein Herz wegen irgendwem hüpft, überspringt es bloß viertausend Jahre. Der Sportbogen spannt sich. Der Pfeil trifft ins selbe Ziel.

aus: „Nacht im Hof“

aufgewachsenen im 350-Seelendorf Schömberg im Nordschwarzwald. Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin. Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt, verschiedene Förderstipendien (u. a. auch Deutscher Literaturfonds) und Aufenthalte in Künstlerhäusern. Lebt nach Jahren in Stuttgart, Frankfurt/Main und Leipzig heute in Bad Neustadt an der Saale. Gibt Kurse in Kreativem Schreiben, lektoriert Manuskripte und hilft Menschen beim Verfassen ihrer Lebenserinnerungen.

Veröffentlichungen: „Zwischen Koch und Kellner“ (Erzählungen, Konkursbuchverlag 2006), Die Frau im Fels“ (Konkursbuchverlag 2003), „Sprungturm (Konkursbuchverlag 2001), „Evas ungewaschene Kinder“ (Nagel & Kimche 1996). Herausgebertätigkeiten: „Plus minus Null (FHL Taschenbuch 2009) und „Casino Rosenthal“ (FHL Taschenbuch 2008).

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Jan Drees

Manchmal regnet es (wie jetzt), wenn Du montagnachts gegen mein Parterrefenster klopfst. An der Türschwelle tropfen Deine nassen blonden Wuschelhaare aufs Parkett. „Rauchen wir eine Zigarette?“ fragst Du und bringst kalten Luftzug mit. „Komme ich ungelegen?“ Darauf gibt es keine Antworten.
Wenige Minuten später kochen wir Glückstee, ich suche ein Handtuch aus der Kommode, du kramst in Deiner Makrameetasche, „gibst du mir auch eine Kippe?“ frage ich und Du erinnerst mich nie daran, dass ich aufhören wollte. Das Momo-Ding: Solange wir rauchen, sind wir da. Wenn Du Tabak hast, drehst Du eine für mich mit.
Irgendwann hören wir im Hintergrund Singersongwriter-CDs, die Du mir aus einem alten Discman reichst… Als wir uns doch einmal küssten (was eigentlich verboten ist) sagtest Du: „Es ist das gleiche After-Shave wie damals.“ Sag es nochmal, bitte.

aus: „Riot Grrrl“

geb. 1979, lebt in Wuppertal, studierte Germanistik und Medienwissenschaften. Ist ehemaliger Leichtathlet, schreibt neben seiner Arbeit als Schriftsteller für das Literaturmagazin „Bücher“ und ist freier Autor beim WDR-Radio 1Live und war einen Sommer lang der Inselleser von Sylt. Sein Debütroman „Staring at the sun“ erschien in der Ur-Version 2000 und in einer überarbeiteten Remix-Version im Eichborn Verlag, wo auch sein zweiter Roman „Letzte Tage, jetzt“ 2006 erschien.

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Johanna Wack

Wir haben die perfekten Kinder gemacht. Einen Jungen und ein Mädchen.
Sie kamen schon perfekt zur Welt, mit einem seligen Lächeln im Gesicht.
Später wollten sie nicht einmal Süßigkeiten im Supermarkt. Absichtlich stellte ich mich immer an der längsten Schlange an, schmiss die bunten Schachteln und Päckchen aus dem Regal und wartete. Artig hoben sie die Packungen auf und legten sie zurück, das Mädchen zupfte sein rosa Kleidchen zurecht, der Junge hielt ihre Hand, und dann sangen sie ein Lied.

aus: „Perfekt“

geb. 1979 in Hamburg. Studiert Ökotrophologie in Hamburg-Bergedorf. Mutter von Marlene.

Schreibt Kurzgeschichten, die sie auf Poetry Slams vorträgt. Zahlreiche Auftritte in Hamburg und deutschlandweit, Gewinnerin zahlreicher Poetry Slams. Seit 2004 jährlich bei den deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften (GIPS) dabei, hat hierbei in Leipzig 2005 im Team mit Xóchil A. Schütz (damals „Team Slam the Pony“, jetzt: „Doppelschicht“) den 2. Platz im Teamwettbewerb belegt und wurde bei den deutschsprachigen Slam Meisterschaften 2008 in Zürich mindestens 4., wenn nicht sogar 3. Gewann beim 16. Open Mike in Berlin mit der Geschichte „Punkte“ den taz-Publikumspreis. Auftritte in Funk und Fernsehen, Veröffentlichungen in Anthologien und in der Tagespresse.

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Jan Off

Mein Verleger macht Druck, nervt mit wöchentlichen Anrufen und E-Mails, die ihrerseits mit abgehangene Lügen von Ruhm und Reichtum nerven. Dreihundert Seiten, am besten bis vorgestern. Aber Schreiben ist ein Job für Lebensverweigerer, ist Weltflucht und Maulheldentum. Was ich brauche, ist Zerstreuung, ist die Verschwendung meiner selbst, also zigeunere ich nächtelang durch den öffentlichen Raum, schalte auf Autopilot, meist mit vernebeltem Bewusstsein. Zwischendurch hänge ich stundenlang vorm TV, bereite der Langeweile ein Festmahl, zelebriere die wiedergewonnene Entscheidungshoheit.

aus: „Unzucht“

geb. im Jahre des Herrn 1967 in Nowosibirsk; Mitglied im Vereinsvorstand von Traktor Tscheljabinsk; Bachmannpreisträger der Herzen; zurzeit in Hamburg ansässig.

Veröffentlichungen u.a: „Unzucht“ (Ventil-Verlag 2009), „Angsterhaltende Maßnahmen“ (Ventil-Verlag 2006), „Weisswasser“ (zusammen mit Antje Herden, Seeliger-Verlag 2006), „Vorkriegsjugend“ (Ventil-Verlag 2003).

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Irmhild Oberthür

Strasse unter meinem Fenster

Hörner verblasen die strecke
wild wenig heimisches
hundegebell
züngelt die hauswände hoch durchsticht
den wellengängigen lautstrom
das pflaster
stampfen stiere ohren kleben
an handys spucken münder
stimmen stacheln
bereiten mein fakirbett

von dem aus ich ein gesuch richte
an den freien fall

aus: „Revue Alsacienne de Littérature“ (81/20003)

geb. 1937 in Berlin; lebt in Kehl/Rhein; Auslandsaufenthalte in Frankreich und USA; Berufstätigkeit als Sekretärin und Übersetzerin; Lyrik und Kurzprosa; ein Theaterstück (unveröffentlicht); Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien; aktueller Lyrikband: Aimée & Jaguar, Vogelfrei (Filmgedichte).
Auszeichnungen in zwei lit. Wettbewerben: Wolfgangpreis für Literatur, 1993 (österr.); 1. Preis Interpretationswettbewerb der Robert Walser-Gesellschaft Zürich, 2000. Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, 2007.

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Myriam Keil

Das Badetuch ist blau. In seiner Mitte prangt der Kopf von Donald Duck. Es sieht albern aus. Auf dem Tuch irren Marienkäfer herum, rot mit schwarzen Punkten. Zwei Jungs traktieren sie mit Stöckchen. Lauf hierhin! Schneller! Mach schon! Sie haben einen Parcours angelegt, durch den sie die Käfer scheuchen. Luisa bleibt stehen und sieht ihnen dabei zu, ich kann nicht sagen, ob mit Abscheu oder möglicherweise mit einem eigentümlichen, beinahe wissenschaftlichen Interesse.

aus: „Sonntags“

geb. 1978 in Pirmasens, lebt in Hamburg als Dipl.-Finanzwirtin und freie Autorin. Mitglied im Forum Hamburger Autoren. Einzelveröffentlichungen: Angst vor Äpfeln. Kurzprosa (Edition Thaleia, 2007); ein platz am fenster (Gedichte, fza verlag 2007); Sonntags (Erzählung, SuKuLTuR 2008). Verschiedene Literaturpreise und Stipendien, u.a. Literaturpreis Prenzlauer Berg 2006, Literaturförderpreis der Stadt Hamburg 2006, Förderpreis der Stiftung kunst:raum sylt quelle zum Inselschreiber-Literaturstipendium 2008. www.myriam-keil.de

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Uli Rothfuss

fünf schritte

fünf schritte …
und der bunte elefant
tanzt
auf meinem schreibtisch

und in den bergen
noch mehr schnee
häuserhoch

am montag
abendessen

bin eingeladen

aus: vom atmen der steine

geb. 1961 in Ebershardt im Schwarzwald. Ausbildung zum Polizei- und Kriminalbeamten, Studium der Deutschen Sprache und Literatur (Zürich), des gehobenen Kriminaldiensts (Villingen-Schwenningen) und der Sozialwissenschaften (Leicester / Großbritannien). Uli Rothfuss lebt als Professor für Kulturwissenschaft in Calw. Sein schriftstellerisches Werk wurde mit verschiedenen Auszeichnungen und Stipendien bedacht, u. a. dem Hafis-Essaypreis 1987, einem Reisestipendium des Auswärtigen Amtes 1996, einem Arbeitsstipendium der Robert-Bosch-Stiftung 1997 sowie dem Preis des Eurasia Press Funds 2000.

Veröffentlichungen u.a.: „Vom atmen der steine“ (Gedichte, Pop-Verlag 2006), „Leila lacht. Ihre Geschichte. Anfang Ende“ (Roman, Wiesenburg Verlag 2006),  „Die Welt ist voll von ungehenkten Galgenvögeln“ (Theaterstück. Silberburg Theaterverlag 2006), „Daud – ein „schwäbischer Neger“ im Schwarzwald“ (Biographische Erzählcollage und Theaterstück, Silberburg Verlag 2000).

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