Archiv für das Jahr: 2010

Manfred Theisen

Es herrschte das übliche vorweihnachtliche Chaos bei uns zu Hause: Heimlich wurden Geschenke gepackt und der Baum sollte endlich mal gerade stehen. Ich war damals zehn Jahre alt und schon viel zu cool, um noch ans Christkind zu glauben. Ich dachte, alles durchblickt zu haben, doch dann kam alles anders. Denn in dem Jahr läutete das Glöckchen im Wohnzimmer, obwohl sich Papa gar nicht heimlich heraus geschlichen hatte. Auch spielte weihnachtliche Musik in der Wohnung, obgleich niemand den CD-Player angeschaltet hatte. Alles war anders, und das Christkind hatte sich etwas ganz besonderes für unsere Familie überlegt … Seither glaube ich wieder ganz fest ans Christkind. Und allen Coolen sei gesagt: Es gibt das Christkind und auch den Weihnachtsmann!

Aus: »24 Adventsgeschichten – Ein Adventskalenderbuch«

Manfred Theisen, geboren 1962 in Köln. Studium Germanistik, Anglistik und Politik. Forschte zwei Jahre für das deutsche Innenministerium in der Sowjetunion, gründete einen Entwicklungshilfe-Verein in Äthiopien, arbeitete als Redakteur und leitete eine Kölner Zeitungsredaktion, unternahm zahlreiche Lesungen für das Goethe-Institut und war 2007 Berliner Kultur pate. Er erhielt viele Auszeichnungen. Der Autor lebt heute in Köln.

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Sigfrid Gauch

Ungespreizt

Genau so machen wir’s hast du
gesagt hast es gemacht. Das Ja
das die Erinnerung heraufbeschwört
nichts auslässt nichts vergisst. Für
alles Andere war es zu spät war es
zu früh was hätte uns ein andrer Plan
genützt vielleicht der Gang durchs Ried
oder zum Grasberg hoch? Du hattest
keine andre Chance mehr lacht sie
als dieses Ja nur Ja mein Feucht
Gebieter. Noch vor Minuten
ihre Nachricht hastig lass dir Zeit rief
sie lass Zeit dir denn sie wollte
vorbereitet sein auf seine Hand auf
seinen Blick. Jetzt steht sie lässig da
im kurzen Hemd leicht angelehnt
als achtsam er zu ihr hinan
die Stufen nimmt den Blick
von ihren schönen Zehen körperauf
bis dahin gleiten lässt wo Bestform
herrscht wo Außen Welt und Zeit
Vertreib sich wandeln körpereins.

Aus: »Die unverschämte Gegenwart«

Sigfrid Gauch, 1945 in Offenbach am Glan geboren, lebt in Mainz; Studium der Germanistik und Philosophie, Promotion; bis Frühjahr 2010 Literaturreferent im rheinland-pfälzischen Kulturministerium; bis 2009 Vizepräsident und Writersin-Exile-Beauftragter des P.E.N.-Zentrums Deutschland; zahlreiche Publikationen seit 1968, zuletzt »Gegenlichter«, Gedichte (2005); »Vaterspuren – Eine Lebensgeschichte« (Übersetzungen in Israel und USA, 2005); »Ein Regen aus Kieseln wird fallen« (Texte aus dem Exil, 2009); Initiator und Mitherausgeber aller 15 Bände des Jahrbuches für Literatur seit 1994, zuletzt »Die unverschämte Gegenwart« (2009). www.sigfrid-gauch.de

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Wendel Schäfer

Größe

Ich stand am Ufer des Meeres
und warf einen Stein.

Da wurden meine Füße nass.

Und wusste:
Ich hatte etwas Großes bewegt.

Trauerfall

Mitten in der Wiese
legt sich ein Halm
zum Sterben nieder.

Er wird eine Lücke hinterlassen.

Reiches Los

Von allem
zu viel.
und niemals genug.

Wie hält man das bloß aus?
Aus: »Seilgetanz« und »Pflaumenjahre«

Wendel Schäfer, geboren 1940 in Bundenbach (Hunsrück), lebt als Schrift steller und Rektor a.D. in Boppard; nach Studium der Volks- und Sonderschulpädagogik in Koblenz und Mainz Arbeit als Lehrer, Schulleiter und in der Lehrerausbildung am Studienseminar in Neuwied. Mitglied mehrerer lit. Verbände u. Gesellschaften, im VS (1. Vorsitzender von 1994 bis 98), verheiratet, zwei Kinder. Schreibt Lyrik und Prosa, 28 Buchveröffentlichungen, zuletzt »Atemkünste, Metamorphosen u. Prosaminiaturen« (St. Vith, 2010); grafische Arbeiten für lit. Zeitschriften u. Bücher, zwei Satirepreise.

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Sebastian Spengler

Während die Titanic in eisigen Fluten versank, sagt man, habe die Bordkapelle gespielt und die Schar sich dazu im Tanze gedreht; zwischen beiseite geräumtem Sportgerät im festlich geschmückten Gymnastiksaal. Alle hatten sich in erlesenste Tuche einkleiden lassen, die Herren in nachtdunkle Smokings, die Damen trugen weite Ballkleider in leuchtendsten Farben, die so geschnitten waren, dass sie sich bei jeder Drehung aufblähten wie umgekehrte Trichter, ringsum schimmerte der Raum in Gold und Silber und an der Decke funkelten Kronleuchter. Wer gerade nicht tanzte, bediente sich am Büfett aus der Kristallschale mit Bowle, die fortwährend nachgefüllt wurde. Mit zunehmender Schräglage lösten sich die Hanteln aus den Wandhalterungen und rollten den Tanzenden zwischen die Beine; da wurde viel gelacht und in die Hände geklatscht über dies, wie zu hören war, originelle Detail; nur als die Toiletten überliefen und mancher das, was er eben noch so dezent erbrochen hatte, grob zur Schau gestellt an sich vorbeischwimmen sah, rümpften einige ob der Geschmacklosigkeit die Nase. Und immer weiter wurde sich gedreht und umhergewirbelt und getanzt, die Fluten schlossen sich leise über dem Heck der Titanic, nicht ein Rettungsring tanzte auf den Wogen und jeder hatte einen wunderschönen Abend gehabt.
Aus: »Titanic«

Sebastian Spengler, geboren 1982 in Kaiserslautern. 2001–2010 Studium der Germanistik in Mainz. 2001.Teilnahme am Treffen Junger Autoren. Seit 2005 Mitglied der Hochschulgruppe »Schrödingers Katze – Hochschulgruppe für Kreatives Schreiben«. Auch seit 2005 Mitglied der Mainzer Autorengruppe, seit 2009 deren Vorsitzender. 2009 Literaturförderpreis der Stadt Mainz. Letzte Veröffentlichung: »Der Wald reicht bis ans Haus«, in: Hell’s Bells. (Hrsg.: Christiane Geldmacher, 2008)

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Andreas Martin Widmann

Mein Vater kaufte den Container, weil er schon seit längerem unzufrieden damit war, wie die Dinge für ihn liefen, und als ihm die Stelle auf dem Campingplatz angeboten wurde, glaubte er, es sei das Beste, auch da zu wohnen, wo er arbeiten würde. Er war damals noch Aufseher bei einer Wach- und Schließgesellschaft, die auf Taxis und in der Zeitung mit dem schwarzen Schattenriss eines Mannes warb, der eine Taschenlampe hielt. Ein anderer schwarzer Mann zuckte vor dem Lichtstrahl zurück und hielt seine Hände vor das Gesicht wie zwei Krallen. Darunter stand: Clavis. Werkschutz & Objektsicherheit.

Aus: »Die Glücksparade«

Andreas Martin Widmann, Jahrgang 1979, Studium der Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaft, arbeitete als Dozent für deutsche Sprache und Literatur am Royal Holloway College, University of London, Redakteur der Kulturzeitschrift »elephant«, wissenschaftliche und literarische Veröffentlichungen u.a. in Neophilologus, Sprache im Technischen Zeitalter, EDIT. »Die Glücksparade« ist sein erster Roman.

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Eva Wallbaum

An das Gretli erinnere ich mich wie an den Fisch in meinen Armen. Dabei kann ich eigentlich gar nicht angeln und habe es auch nur dieses eine Mal versucht. Aber als ich den Hecht dann rausgezogen hatte – und das war ganz sicher ein Kampf – brauchte ich beide Hände, um ihn in die Kamera zu halten. Wenn ich mich genauer erinnere, hielt ich ihn sogar in den Armen, so dass ich mit der Brust sein Gewicht auffangen konnte. Und je öfter ich daran denke, desto klarer wird mir, dass ich ihn um die Schultern gelegt haben musste, weil er so lang war und schwer, dass sich das Boot schon zur Seite neigte. Und dass mir ein Fisch dieser Größe überhaupt noch nie unter die Augen gekommen ist.

Aus: »Gretli«

Eva Wallbaum, geboren 1984 in Groß-Umstadt; aufgewachsen in Seligenstadt/Main; Studium der Germanistik und Buchwissenschaft in Mainz; seit 2005 Mitglied der Hochschulgruppe für kreatives Schreiben; 2009 nominiert für den Literaturförderpreis der Stadt Mainz; Veröffentlichungen: »Harmony Melksystem« und »Gretli«, in: »Die Zukunft beginnt mit Passfotos. Junge Autoren in Rheinland-Pfalz«. Edition Schrittmacher 2008.

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Björn Högsdal

Ich war sechs, oder sieben Jahre alt, da rutschte mein Großvater in Norwegen auf einem vereisten Gehweg aus und brach sich den altersmorschen Oberschenkel. Das war in den letzten kalten Tagen des Frühjahres und während er im Krankenhaus der Genesung harrte, zog sich die Welt draußen langsam schon wieder das Sommerkleid an. Mein Großvater, Bestevar, wie es im Norwegischen heißt, war kein Mann der jammerte, wenn es um seinen Körper ging – und so beschwerte er sich nicht. Nicht über sein Missgeschick und auch nicht, als der Gips im Krankenhaus zu eng angelegt wurde und drückte. Als seine Zehen die Farbe vergammelter Bananen annahmen – und amputiert werden mussten, nahm er es hin mit der Duldsamkeit der Weltkriegsgeneration. Was sind schon ein paar Zehen? Die Ärzte hatten nicht besonders sorgfältig gearbeitet und so begann auch der restliche Fuß zu faulen. Mit der Amputation des linken Fußes sank seine Motivation dann doch und 5 weitere Operationen später hatten sie Bestevar das Bein oberhalb des Knies und den Lebensmut unterhalb des Herzens abgenommen.

Aus: »Als mein Vater den Tod bestahl…«

Björn Högsdal, geb. 1975 in Köln, aufgewachsen am Bodensee, seit 1996 in Kiel zwecks Zivildienst, Studium der Neueren Deutschen Literatur- und Medienwissenschaften und Arbeit als Autor und Kulturveranstalter, sowie Poetry Slam-Workshops für den Norden. 2002 gründete er mit Patrick Kruse die Kulturagentur assemble ART. Seit 2007 Mitbetreiber des Literaturtelefons Kiel, dem ältesten deutschen Literaturtelefon. Seine Texte befassen sich mit der Absurdität des Alltäglichen ebenso, wie mit der Alltäglichkeit des Absurden und sind Literatainment, d.h. kurzweilige Literaturperformance mit schwarzem Humor. Veröffentlichungen in Satirezeitschriften (»Titanic«, »Pardon«), Anthologien und Literaturzeitschriften.

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Eckhard Rhode

erde
rede rohbrand
dem herbstrot
anzu passen fassen
wortwärts eins
auf schlimmste
diesem zu entgegnen
entgegen
das fleisch
roherber hinkend
grober schliff
dann die zensur
zwei
einzufallen durch die grenze
schnitt
den rändern
die buchstaben rahmen

Eckhard Rhode, geb. 1959 in Oldenburg i.O., lebt und arbeitet seit 1980 in Hamburg. Schriftsteller, Schauspieler, Gastronom. Auftritte seit 1981 in Deutschland und Europa; Veröffentlichungen auf CDs, DVDs, in Büchern und Zeitschriften seit 1981. Veröffentlichungen: »Brinkmanns Zorn« (4 Filme, 3 DVDs bei good!movies, Berlin 2003), »unschrift« (Edition Solitude, Stuttgart 2001).

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Werner Söllner

Sitzkrieg des Dichters

Im April ist der Himmel freundlich
verhangen, das Licht geht
oder bleibt. Auf Raupenketten
kommt die Jahreszeit, Staub kriecht
in die Lungen der Bücher
Kulturtürme
von Babel bis Brecht.
Wie meinen Herr Duden?
Ach so, Sprachlehre, Sprachleere.

aus: »Kopfland. Passagen.«

Werner Söllner, geb. 1951 in Horia (Rumänien). Studierte Physik, Germanistik und Anglistik, arbeitete als Verlagslektor in Bukarest. 1982 Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland, Arbeit als freischaffender Autor. Seit 2002 leitet er das Hessische Literaturforum im Mousonturm in Frankfurt am Main.

Veröffentlichungen u.a.: »Zweite Natur« (Verlagsantiquariat Mario Brändel 1993), »Der Schlaf des Trommlers« (Ammann 1992), »Kopfland. Passagen.« (Suhrkamp 1988), »Klingstedts romantische Gründe« (Edition Panndorf 1988).

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Christa Kempter

Hasen gibt’s wie Sand am Meer. Das weiß man. Ob es einen Osterhasen gibt, weiß man nicht. Aber Hannas Hasen gibt es. Eines sonntagsmorgens klopfte er nämlich an ihr Fenster. Zweimal lang, zweimal kurz. Hanna öffnete. Ein ziemlich großer Hase mit einem ziemlich langen und einem ziemlich kurzen Ohr stand draußen. Einer, der nicht aussah, wie die Sand-am-Meer-Hasen und der aufrecht auf zwei Beinen ging. »Was bist denn du für ein komischer Kerl?«, fragte Hanna erstaunt. »Bist du ein Riesenkaninchen? Oder der Osterhase?«

aus: »Hanna und der Hase«.

Christa Kempter, geb. 1945 in Ingelheim. Dort arbeitet sie als Kinderbuchautorin, schreibt außerdem Geschichten für Rundfunk, Fernsehen, Anthologien und Kinderzeitschriften. Veröffentlichungen u.a. »Lauter wilde Räuberkerle« (aare Verlage), »Meine allerschönsten Mutmachgeschichten« (Egmont – Franz Schneider Verlag), die Bilderbuchtexte »Liebes kleines Schaf«, »Herr Hase und Frau Bär«, »Herr Hase und Frau Bär – Der große Ausflug« (alle drei NordSüd Verlag).

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