Martin Büsser

Die einzige Farbe, die es in der Siedlung gab, war das abgetönte Graublau der Balkongeländer. Im Herbst passte selbst sie sich fast völlig an den Himmel an, so dass die vierstöckigen Mehrfamilienhäuser und mit ihnen die ganze Siedlung für alle, die nicht wussten, wo ihre Eingangstüre war, beinahe unsichtbar wurde. Ein Jahr lang habe ich dort gewohnt – rückblickend die ereignisloseste Zeit meines Lebens. Zu ereignislosen Zeiten und reizarmen Gegenden gehört, dass sie fahrradfreundlich sind. Kurz nach dem Krieg erbaut, hatten die Architekten die Siedlung so angelegt, dass sie ihren Bewohnern vorgaukelte, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Alle notwendigen Ziele waren mit dem Fahrrad in der exakt selben Zeit von drei Minuten erreichbar: die Post, das Naherholungsgebiet, die Sparkasse, der Supermarkt, die Pizzeria, die Pilsstube, das Schwimmbad, die Kirche, das Altersheim, der Friedhof. Alles war didaktisch so platziert, dass die Deutschen fortan nicht mehr auf die dumme Idee kommen sollten, zu weit auszuschwärmen.

aus: »In der Siedlung«

Martin Büsser, geb. 1968, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. Arbeitet als Autor, Verleger und freier Journalist mit Schwerpunkt Musik, Popkultur und bildende Kunst, Beiträge u.a. für »Konkret«, »Jungle World« und »Die Zeit«. Veröffentlichungen u.a.: »Der Junge von nebenan« (Verbrecher Verlag 2009), »Antifolk -von Beck bis Adam Green« (Ventil 2005), »On The Wild Side. Die wahre Geschichte der Popmusik« (EVA 2004), »Wie klingt die Neue Mitte? Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik« (Ventil 2001), »Popmusik« (Rotbuch 2000).

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