Archiv für das Jahr: 2011

Marcus Roloff

waten im verdachtsgelände

breitscheid- ecke twachtmannstraße altes rosa
(genossennelke) mitgliedschaften (der anderen)
übersprungene klassen (der anderen) seemanns
garn nach schulschluss (sportplatz) im abgestandenen
schlosspark (blablabla) lagen die bäume auf bänken
parataktische fehlleistung & hyperaktive schübe
suspektes schweigen am vorabend & abgefummelte
briefmarken (-sammlung) oder samstags am glambecker
see (ufer) gab es auch kein erwecken (aufstehn)

Aus: »im toten winkel des goldenen schnitts«

Marcus Roloff, geboren 1973 in Neubrandenburg, lebt in Frankfurt/M. Germanistikstudium an der HU Berlin. Veröffentlichungen in »Lyrik von Jetzt zwei«, »wespennest«, »Neue Rundschau«, »Jahrbuch der Lyrik 2011«; beteiligt am Übersetzungsprojekt des Lyrikbandes »A Worldly Country« von John Ashbery. Zuletzt erschien der Gedichtband »im toten winkel des goldenen schnitts« (Frankfurt/M. 2010). Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 2009; zweiter Platz beim »lauter niemand preis für politische lyrik« 2010.

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Daniel Klaus

Grünflächen zwischen den Wohnblöcken, übten an den Teppichstangen Klimmzüge oder perfektionierten uns im Schweinebaumeln, indem wir uns von den Teppichstangen kopfüber nach unten hängen ließen, solange, bis uns das Blut ins Gesicht floss und die Kniekehlen taub wurden. Wir spielten auf den Klingelanlagen Klavier und lauschten mit angehaltenem Atem den durcheinandersprechenden Stimmen. Wir waren alle sieben oder acht Jahre alt, und wir waren eine Geheimbande, die sich nachts, wenn die Fenster in den Wohnblöcken dunkel wurden, heimlich mit ihren Taschenlampen Botschaften zufunkte.

Aus: »Angeln«

Daniel Klaus, geboren 1972 in Wiesbaden. Studium der Evangelischen Theologie in Mainz und Berlin. Lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin und Istanbul. 2000 Walter-Serner-Preisträger. 2003 Literaturförderpreis Ruhrgebiet. 2004 Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. 2006/2007 Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung. Kolumnist für die taz und die Wochenzeitung »der Freitag«. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Radio, u.a. in: »Am Erker«, »Lichtungen«, »Podium«, »Konzepte«, »macondo«, im Knaur-Verlag, im konkursbuch-Verlag und auf SWR2. www.danielklaus.com

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Airen

»Das ist exakt das Gleiche wie in der Beratungsfirma im vierzehnten Stock; das Feeling, mal wieder am absolut falschen Platz zu sein, ein platzender Lebensdrang in vier weißen Wänden, atmend, ohne zu riechen, sitzend, während man tanzen sollte. Und ich sitze eben weiter hier auf diesem Berg unausgeprägter Begabungen und weiß, dass ich dieses eine Ding finden muss, dieses eine Extrem, das mich so fickt, dass ich ihm alles widme, sonst wird alles nur Mittelmaß; oder eben high fly, die eine Chance zu rocken, ein Leben auf Gipfeln, das Spiel heilig halten, ein ständiger Orgasmus der Wahrnehmung, alle Farben im Tanz – pures Glück in der Musik der Sprache.

Das kommt noch, sagen die, die es gut meinen.«

Aus: »I am Airen Man«

Airen, geboren 1981, arbeitete nach seinem Studium in einer Unternehmensberatung in Berlin und lebte danach in Mexiko. Seine Erfahrungen im Berliner Club Berghain protokollierte er in seinem Blog (und erstem Buch »Strobo«), aus dem Helene Hegemann in »Axolotl Roadkill« zahlreiche Passagen zunächst ohne Quellenangabe übernahm; so wurde er zum heimlichen Star einer heftig geführten Debatte.

Lydia Hauenschild

»Draußen im Dorf läuteten die Kirchenglocken. Und drinnen im Haus schlug Ernst die Augen auf. »Nanu, wo bin ich denn?«, überlegte er schläfrig, während ihn ein Sonnenstrahl an der Nase kitzelte. Ach ja, richtig: Ernst lag in Onkel Ludwigs Gästebett!

Ernst spitzte die Ohren. In dem alten Bauernhaus war es mucksmäuschenstill. Also schlief Onkel Ludwig wohl noch. Wie schade. Heute war doch Ostern – und Ernst wollte sein Osternest suchen gehen! Jetzt gleich! Sofort! Das machte Ernst nämlich gerne.

Leise, ganz leise schlich Ernst im Schlafanzug aus dem Haus. Der erste, dem er auf dem Bauernhof begegnete, war Kater Karl.«

Aus: »Ostern auf dem Bauernhof«

Lydia Hauenschild, geboren 1957 in Deggendorf /Bayerischer Wald, studierte Agrarwissenschaften in Göttingen. Zum Schreiben kam sie durch die Geburt ihrer Zwillinge: Da es keinen Ratgeber für Zwillings eltern gab, schrieb sie ihn. Seitdem macht es ihr ebenso viel Spaß, sich Geschichten für Kinder auszudenken. Sie lebt heute in Dirmstein/Pfalz und ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller. www.lydia-hauenschild.de

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Julia Trompeter und Xaver Römer

»Die Sprechduette sind ein arrangiertes, teils dialogisches, teils polyphones Sprechen, welche der Erfahrung folgen, dass Wahrnehmung häufig weder stringent noch eindimensional ›passiert‹, sondern eher aus verschiedenen Eindrücken wählt und ihr Gesamtbild zusammensetzt.«

Julia Trompeter, geboren 1980 in Siegburg, lebt in Berlin. Studium der Philosophie und Germanistik in Köln. Seit 2005 Redakteurin bei www.einseitig.info. Zahlreiche Auftritte in diversen literarischen Zirkeln zwischen Weimar und Stuttgart. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie in literarischen Radiosendungen. Seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeit und Promotion zu antiken Medizintheorien an der FU Berlin.

Xaver Römer, geboren 1969, studierte Jazzgitarre in Rotterdam, wohnt in Köln und schrieb Lieder, Lyrik, Prosa und Hörspiele, allesamt mit stark sprachspielerischem Hang und immer auch mit dem Blick auf den Vortrag. Verschiedentliche Veröffentlichungen, darunter die Produktionen »gnip gnop: Sprechduette« (2009), »Der kleine Liedkonstrukteur« (2002), »Die sprechende Banane« (SWR/RB 2000).

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Friederike Harig

»Hauptkommissarin Margarethe Maybach. Ich ermittle in einem Mordfall. Ich muss Sie als Zeugen befragen.« Ihr formeller Kommissarenton ließ Maybach wieder zu ihrer Routine zurückkehren. Das gab ihr Sicherheit.

»Des kann jeder sache.«

»Nehmen Sie Ihr Gewehr runter und ich zeig Ihnen meinen Dienstausweis.«

»Isch glaab deer kee Wort.«

So geht das doch nicht, dachte die Kommissarin. Der muss sich doch meinen Dienstausweis angucken. »Herr Roth, nehmen Sie Ihre Waffe weg!«, befahl sie.

Roth machte nicht den Anschein, der polizeilichen Anweisung Folge leisten zu wollen. Er bewegte sich nicht. »Siehste, jetzt biste in de Bredouille.« Ein dreckiges Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.

Aus: »Professorenmord«

Friederike Harig, geboren 1966 in Kaiserslautern. Sie studierte Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft in Mainz. Dort lehrt sie heute am Internationalen Studienkolleg. Zahlreiche fachwissenschaftliche Veröffentlichungen. Mitarbeit an »Die unverschämte Gegenwart« (Jahrbuch für Literatur Band 15, 2009). Mitherausgeberin von »Im Rampenlicht verborgen« (Jahrbuch für Literatur Band 16, 2010). Sie gehört zur Autorengruppe »Mörderisches Rheinhessen. Ihr erster Rheinhessenkrimi erschien 2009 und trägt den Titel »Professorenmord«. www.professorenmord.de

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Josef Haslinger

Ich bestieg den Zug nach Warschau und wählte, um in Ruhe lesen zu können, ein Abteil, in dem nur ein kleiner, alter Mann am Fenster saß. Er schien in seine Gedanken versunken zu sein und erschrak ein wenig, als ich die Tür aufschob.

Ist hier noch frei?

Bitteschen, bitteschen.

Ich nahm schräg gegenüber, auf der Gangseite des Abteils Platz. Der alte Mann lächelte still vor sich hin. Der Zug fuhr an, und das Stadtgebiet löste sich auf in ein dunstiges Durcheinander von Einfamilienhäusern, langen Wohnblocks, Automärkten und Tankstellen. Dem alten Mann traten Tränen in die Augen. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, wischte er mit dem Ärmel die Tränen fort.

Entschuldigen Sie, junger Herr, ich bin heite so glicklich.

Aus: »Sisi«

Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman »Opernball«, 2000 »Das Vaterspiel«, 2006 »Zugvögel«. Sein letztes Buch, »Phi Phi Island«, erschien im Frühjahr 2007. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels. 2010 war er Mainzer Stadtschreiber.

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