Archiv für das Jahr: 2012

Christina Stein

Der Baum, unter dem ich sitze, hat alle Blätter verloren. Nur noch seine Äste breiten sich über mir aus: Ein starres Gerippe, landeinwärts gerichtet. Wie eine krumme, seltsam entstellte Hand. Und Wurzeln, die über den Sand krabbeln, sich darin verlieren. Ich hebe ein Loch aus, eine Mulde so groß wie die Innenfläche meiner Hand. Dort hinein lege ich mein Handy und die Schlüssel für meine Wohnung, den Briefkasten, das Büro. Der Baum wird darauf aufpassen, allenfalls Mäuse verschleppen solche Dinge in ihre Höhlen. Dieser Gedanke beruhigt mich. Soll doch eine Maus auf meinem Haustürschlüssel schlafen. Sandige Erde klebt unter meinen Nägeln: schwarz, hässlich. Ich beginne, sie heraus zu pulen, doch dann lass ich es bleiben. Paul wird’s nicht stören, und mich eigentlich auch nicht. Es sei denn, wir spielen, was alle spielen: Papier schlägt Stein, Stein schlägt Schere, Schere schlägt Papier. Dabei möchte ich die dunklen Halbmonde unter den Nägeln nicht sehen, nicht an den Baum erinnert werden. Schon gar nicht an die Schlüssel darunter.

Aus: »Bis nach Neapel und weiter«

Christina Stein, geboren 1978 in Bonn, wohnt in Eltville. Studium der Christlichen Archäologie, der Kirchengeschichte sowie der Vor- undFrühgeschichte in Bonn und Mainz.Schreibt Prosa, bisher Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, u.a. in Macondo und Erostepost. 2011 Literaturförderpreis der Stadt Mainz.
(www.christina-stein.com)

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Markus Orths

An diesem Samstagmorgen war Simon Bloch wie üblich um halb sieben vom Zirpen seines Tennisballweckers wach geworden, einem Relikt aus Studententagen, gelb, rund und borstig. Simon hatte sich das Ding zu einer Zeit gekauft, als er das Aufstehen noch abgrundtief verabscheute und jeden Morgen mit gutturalem Grunzen begrüßte, denn der Tennisballwecker war eigens für Morgenmuffel konzipiert: Wenn er ansprang, ballerte man ihn gegen die Wand, und durch die Wucht des Aufpralls schaltete er sich ab, um noch dreimal, viermal durch die Wohnung zu hoppeln und sich nach fünf Minuten erneut zu aktivieren, was den Schlafenden dazu zwang, das Bett zu verlassen, um das Biest endgültig zum Schweigen zu bringen.

Aus: »Die Tarnkappe«

Markus Orths, geboren 1969 in Viersen. Studium der Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg. Lebt als Autor in Karlsruhe. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Landesstipendium Baden-Württemberg, Telekom-Austria-Preis in Klagenfurt, Niederrheinischer Literaturpreis der Stadt Krefeld. Zuletzt erschienen »Das Zimmermädchen«, »Hirngespinste« und »Die Tarnkappe«. Drei seiner Bücher wurden in insgesamt sechzehn Sprachen übersetzt. www.schoeffling.de/content/autoren

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Jens Schumacher

Sie gingen weiter und erreichten ein würfelförmiges Gebäude. Im Innern wuselten achtzehn oder zwanzig kolossale Riesenspinnen umeinander. Jede war annähernd so groß wie ein Pferd und mit braunem, zottigem Fell bedeckt. Ihre acht dürren Beine standen auf unbehaarten, fast menschlichen Füßen mit gelblichen, eingewachsenen Zehennägeln.

»Pfui Teufel! Was ist das denn?«, entfuhr es Fabian.

»Ein Wurf junger Quantrulae«, sagte Tulsa lächelnd, die offenbar selbst für diese hässlichen Bestien noch eine gewisse Sympathie aufbrachte. »Laut der  Beschriftung des Käfigs gerade mal ein halbes Jahr alt.«

»Die Biester fressen mit Vorliebe Fleisch«, erklärte Xolpph beflissen. »Zuerst lähmen sie ihre Beute mit einem Stich ihres Giftstachels … da, dieses gebogene Ding ganz hinten am Po. Weil sie keinen richtigen Verdauungsapparat besitzen, kotzen sie ihre Beute anschließend mit einem säureartigen Saft voll, der das Fleisch sozusagen vorverdaut. Zu guter Letzt saugen sie den entstandenen Brei durch ihre beiden Kieferröhren auf – da vorne, siehst du?«

»Danke, das reicht!«

Aus: »AMBIGUA II – Das Zepter der Macht«

Jens Schumacher, geboren 1974, arbeitet seit Ende der neunziger Jahre als freier Autor von Kinder- und Erwachsenenstoffen. Bis heute erschienen über 50 Buchtitel in unterschiedlichen Genres, darunter Gruselgeschichten, Krimis, interaktive Spielbücher und Jugendserien, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Letzte Veröffentlichungen für Erwachsene: »Der
Schädelschmied« (2011, zus. m. Jens Lossau); für Kinder: »Belagerung der Monster« (2011). www.jensschumacher.eu

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Sabine M. Krämer

Komm her mein Schatz und leg dich zu mir ins kühl bezogene Bett. Zieh das Gitter hoch, über uns hängt glatt der Galgen. Mein Schatz, wie schön, dass du kommst, ich freue mich so. Im eckigen Unter geschoss, vor dem Fenster ein dicker Strauch, inzwischen braun im Herbst. Komm näher, fass meine Hand, komm, mein Hemd ist weiß und offen. Da drüben bist du, mein Schatz, nicht zu fassen, deinen Hemdsaum berühre ich, geh nicht zurück! Meine Hände wollen sich ausruhen in deinen Taschen, in deinem Schoß, mein Schatz. Komm zu mir in den Garten – siehst du die Früchte? Setz dich. Nimm dir. Nimm, was du willst, aber bleib. Ich mache ein Feuer, wenn es kalt wird, es wird bald kalt und bald dunkel. Da mache ich uns ein Feuer. Wir legen Kartoffeln hinein. Wir wärmen uns die Knochen und wir erzählen uns Geschichten und wir schauen dabei in die Flammen, in die Glut hinein, in die Weißglut. Ich erzähle dir Geschichten zum Fürchten.

Aus: »Bis Später«

Sabine M. Krämer, geboren 1972 in Trier; Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Sonderpädagogik ohne Zertifikate. Lebt und arbeitet als Altenpflegerin und freie Autorin in Berlin. 1995 Martha-Saalfeld-Preis, 1997 Förderpreis zum Staatspreis des Landes Rheinland-Pfalz für junge Künstler; Amsterdam-Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben, 2000/2001 Stipendiatin im Künstlerdorf Schöppingen (NRW). 2010 Finalistin beim Georg-K.-Glaser-Förderpreis. Zahlreiche Bücher, Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Zuletzt: »Bis Später« (Roman, Mainz 2010).

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Gabriele Keiser

Sie löste den Blick vom Bildschirm und sah durch die geschlossenen Fensterscheiben hinaus in eine andere Welt. In der Wohnung gegenüber brannte Licht. Die junge Nachbarsfrau hielt ihr Baby im Arm, den Kopf zu ihm hingeneigt, um es zu liebkosen. In diesem Moment zog sich alles in ihr zusammen. Ihre Brust verengte sich. Sie versuchte, normal weiterzuatmen, doch das Gefühl, dass die Luft nicht in ihrer Lunge ankam, nahm überhand. Schwindel erfasste sie. Wirre Bildfetzen mit unscharfen Konturen flackerten durch ihr Gehirn. Die Erinnerungsflut, die sie von Zeit zu Zeit wie aus heiterem Himmel überfiel, ließ sich nicht einfach wegdrücken, so sehr sie das auch versuchte. Wie in einem flimmrigen Film, dessen Ränder zerrissen und ausgefranst waren, sah sie sich und die beiden anderen. Hände waren auf ihrer Haut. Drängende Hände, die sie fortschieben wollte. Sie spürte, wie sich ihre Kiefer anspannten. In ihrem Mund breitete sich ein metallischer Geschmack aus. Sie rief ein paar Mal den Namen der Freundin, doch die hörte sie nicht. Schließlich sprach sie stockend ein Gebet. »Lieber Gott, hilf mir doch, bitte …«

Aus: »Engelskraut«

Gabriele Keiser, geboren 1953 in Kaiserslautern. Studium der amerikanischen, englischen und deutschen Literaturwissenschaften. Auslandsaufenthalte in Seattle, Lille und Wien. Lebt heute in Andernach. Vorsitzende des VS (Verband deutscher Schriftsteller) Rheinland-Pfalz in ver.di. Zahlreiche Publikationen, zuletzt der Krimi »Engelskraut«. www.gabrielekeiser.de

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Volker Gallé

vornüber hängen die tiermasken am kopf.
mal bären. mal raben.
aus der schulter wächst das horn des stieres.
dann muß ich lachen,
weil es sich ja auswächst aus dem mantel der seele.
und ich da drinnen bin.
aber das auge schaut die landschaften an den flussufern
und lässt nach kurzem innehalten gern auch die tiere los,
um die auen zu bevölkern.
aus meinen hüften steigt die alte bohnenleiter der
schamanen hoch,
auf der ich zum himmel klettern könnte,
wenn ich nicht so ängstlich wäre.
überlassen wir den himmel gott und den sternen.
vielleicht kommt er durch die hintertür,
wenn das auge ruht.

Aus: »flügelschlag des raben«

Volker Gallé, geboren 1955 in Alzey. Germanist, Journalist, Autor, Liedermacher, seit 2004 Kulturkoordinator der Stadt Worms; Vorsitzender der Nibelungenliedgesellschaft Worms, Vorsitzender des Fördervereins in der KZ-Gedenkstätte Osthofen. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. »rhein.hessen.blues, poetische texte« (Ingelheim 2007), »Flügelschlag des Raben« (Vechta 2010), Kunstreiseführer Rheinhessen (Ingelheim 2010). www.galle-rheinhessen.de

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Nora Gomringer

Bilderbuchuterus
wie schön alles in ihnen doch liegt
das macht einiges wett
so malerisch, was ich ertaste
formbeständig und wohl-organ-isiert
so etwas ist ererbt, ihre Mutter
muss sehr schön gewesen sein
(unten herum)
da kann werden und schlüpfen
auch nisten wird leicht
gerade hier ist alles ganz
vortrefflich. Aufgeklappt
schau ich ihnen niemals
in die Augen, Madame

Aus: »Nachrichten aus der Luft«

Nora Gomringer, geboren 1980, lebt in Bamberg und in der Welt. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Journalistin für Zeitung und Rundfunk. Ihre Lyrik ist ins Schwedische, Englische und Französische übersetzt worden. Seit 2010 ist sie die Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia. 2011 erhielt sie den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache. Im Herbst erscheinen »Mein Gedicht fragt nicht lange« und »Ich werde etwas mit der Sprache machen«. www.nora-gomringer.de

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Ingo Schulze

In der DDR waren die Buchläden in den Kleinstädten und größeren Dörfern die eigentlichen Schatzkisten – je kleiner das Nest, desto besser. Oft genügte schon ein Schreibwarenladen, um Auto- oder Fahrradfahrten zu unterbrechen. Sah man im Schaufenster einen bislang ungehobenen Schatz, wartete man auch gern das Ende der Mittagspause ab oder meditierte vor dem Schild »Komme gleich wieder«. Waren wir zwei oder mehr Interessenten, konnte es Streit geben. Wer hatte es zuerst gesehen? Wem war beim letzten Mal der Vortritt gelassen worden? Was in Dresden oder Leipzig gar nicht erst in der Auslage erschien oder noch am selben Tag ausverkauft war, dämmerte in kleineren Orten oft einige Tage, mitunter unfassbare Wochen lang unentdeckt vor sich hin. In der Provinz geschahen die Wunder.

Aus: »Was wollen wir?«

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, Studium der Klassischen Philologie und Germanistik in Jena. Er arbeitet als Dramaturg, Journalist und freier Schriftsteller und lebt mit seiner Familie in Berlin. Zahlreiche Preise und Veröffentlichungen. U.a. aspekte-Literaturpreis, Joseph Breitbach Literaturpreis, Preis der Leipziger Buchmesse, Mainzer Stadtschreiber 2011. www.ingoschulze.com

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