Gabriele Keiser

Sie löste den Blick vom Bildschirm und sah durch die geschlossenen Fensterscheiben hinaus in eine andere Welt. In der Wohnung gegenüber brannte Licht. Die junge Nachbarsfrau hielt ihr Baby im Arm, den Kopf zu ihm hingeneigt, um es zu liebkosen. In diesem Moment zog sich alles in ihr zusammen. Ihre Brust verengte sich. Sie versuchte, normal weiterzuatmen, doch das Gefühl, dass die Luft nicht in ihrer Lunge ankam, nahm überhand. Schwindel erfasste sie. Wirre Bildfetzen mit unscharfen Konturen flackerten durch ihr Gehirn. Die Erinnerungsflut, die sie von Zeit zu Zeit wie aus heiterem Himmel überfiel, ließ sich nicht einfach wegdrücken, so sehr sie das auch versuchte. Wie in einem flimmrigen Film, dessen Ränder zerrissen und ausgefranst waren, sah sie sich und die beiden anderen. Hände waren auf ihrer Haut. Drängende Hände, die sie fortschieben wollte. Sie spürte, wie sich ihre Kiefer anspannten. In ihrem Mund breitete sich ein metallischer Geschmack aus. Sie rief ein paar Mal den Namen der Freundin, doch die hörte sie nicht. Schließlich sprach sie stockend ein Gebet. »Lieber Gott, hilf mir doch, bitte …«

Aus: »Engelskraut«

Gabriele Keiser, geboren 1953 in Kaiserslautern. Studium der amerikanischen, englischen und deutschen Literaturwissenschaften. Auslandsaufenthalte in Seattle, Lille und Wien. Lebt heute in Andernach. Vorsitzende des VS (Verband deutscher Schriftsteller) Rheinland-Pfalz in ver.di. Zahlreiche Publikationen, zuletzt der Krimi »Engelskraut«. www.gabrielekeiser.de

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