Annegret Held

Die Rehe und Hasen nahmen Reißaus, aber die Felder waren vernichtet und die Saat zertrampelt und zerfressen, keine Kartoffeln, kein Korn. Eine unbändige Verzweiflung und eine übermächtige Wut ergriff die Scholmerbacher und sie stürzten mit Äxten und mit Hacken in die gräflichen Wälder, um die Bäume abzuhauen und die Rehe zu lynchen und aus den Hasen Hackbraten zu machen. Da sie aber die Hasen nicht erwischten, kam ihnen der Katzensteiner Förster gerade recht und sie jagten ihn fort und bewarfen ihn mit Steinen und mit Stöcken. Das war die Revolution im Jahre 1848 im Dorf Scholmerbach.

Endlich gehörten ihnen wieder alle Wälder, und sie gingen hinein und hackten Holz und aßen die Waldbeeren und sammelten Kräuter, sie ließen ihre Schweine dort fressen und verwüsteten ganze Landstriche.

Einen Sommer lang waren sie vollkommen frei.

Aus: »Armut ist ein brennend Hemd«

Annegret Held, geboren 1962 im Westerwald, arbeitete u.a. als Polizistin, Sekretärin, Altenpflegerin und Luftsicherheitsassistentin – und ist erfolgreiche Autorin. Sie bekam den Berliner Kunstpreis der Akademie und den Glaser-Förderpreis, ist PEN-Mitglied und lebt in Frankfurt. Im Eichborn Verlag sind bisher erschienen »Meine Nachtgestalten«, »Die letzten Dinge«»Fliegende Koffer«. Ihr letzter Roman »Apollonia« war der Beginn ihrer Westerwaldchronik, die mit »Armut ist ein brennend Hemd« fortgesetzt wird.