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Monika Böss

Ein vergessenes Grab. Eingesunken der Stein. Verwischt die Inschrift. Hohe Pappeln. Licht stürzt ins Blätterrauschen. Glocken läuten im Tal und der Fluss zieht vorüber. Wellen zerspringen.

Es wird ein böses Geheimnis bleiben.

Oktober 1957.

Der Zug fährt ein. Hager, hoch gewachsen, in altmodisch dunklen Taft gekleidet, entsteigt sie einem Abteil der Holzklasse. Hinter der Sperre wartet ihr Schwager Jakob. Knapp fällt die Begrüßung aus. Auf dem Bahnhofsvorplatz steht das Fuhrwerk mit dem geduldigen Kaltblüter. Unwillig verzieht sich ihr Mund. »Wie lange hältst du die Pferde noch, Jakob?«

»Nemm en Taxi, wenn es dir nit passe duud, Gretel!« Die Galle beginnt ihm zu schäumen. Weshalb sagt ihr niemand die Meinung? Lass’ uns in Ruhe, altes Klafter! Doch bevor er sich weiter zornige Gedanken über eigene oder anderer Unentschlos- senheiten machen kann, beschließt er den schwarzen Strich neben sich zu vergessen.

Aus: »Tante Gretel – oder die unerlösten Sommer«

Monika Böss, geboren in Bingen, lebt heute in Mörsfeld in der Nordpfalz. Sie schreibt Romane, Erzählungen und Hörspiele. 2006 Martha-Saalfeld-Preis des Landes Rheinland-Pfalz für den Roman »Marvins Bräute«.