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Josef Haslinger

Ich bestieg den Zug nach Warschau und wählte, um in Ruhe lesen zu können, ein Abteil, in dem nur ein kleiner, alter Mann am Fenster saß. Er schien in seine Gedanken versunken zu sein und erschrak ein wenig, als ich die Tür aufschob.

Ist hier noch frei?

Bitteschen, bitteschen.

Ich nahm schräg gegenüber, auf der Gangseite des Abteils Platz. Der alte Mann lächelte still vor sich hin. Der Zug fuhr an, und das Stadtgebiet löste sich auf in ein dunstiges Durcheinander von Einfamilienhäusern, langen Wohnblocks, Automärkten und Tankstellen. Dem alten Mann traten Tränen in die Augen. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, wischte er mit dem Ärmel die Tränen fort.

Entschuldigen Sie, junger Herr, ich bin heite so glicklich.

Aus: »Sisi«

Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman »Opernball«, 2000 »Das Vaterspiel«, 2006 »Zugvögel«. Sein letztes Buch, »Phi Phi Island«, erschien im Frühjahr 2007. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels. 2010 war er Mainzer Stadtschreiber.

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