Archiv der Kategorie: Heimbach Jürgen

Jürgen Heimbach

Warum hatte Weller ihm den Brief nicht einfach gegeben? Wie immer hatte der Postmann ihn beschimpft. Nur weil er anders war. Die dunklere Haut. Die Locken. Einen Bastard schimpfte Weller ihn. Eine Schande und Schmach. Dabei war er doch Deutscher. Und Weller? Der, ja der hatte doch gar nichts von einem Arier! Er war nicht groß, er hatte dunkle Haare und einen Bauch. Wenn er auf seinem Fahrrad die Post ausfuhr, dann schwitzte und keuchte er. Bei ihrer letzten Begegnung war er besonders grausam gewesen. Weller hatte den Brief nicht herausrücken wollen.

Fast so schlimm wie damals, bei dem letzten Brief seiner Mutter, in dem die ihm schrieb, dass sie nicht mehr leben würde, wenn er den Brief in den Händen hielt. Damals hatte Weller gelacht und gesagt, dass man Hurenpost nicht ausliefern darf. Dann hatte er den Brief an seine Nase gehalten, tief die Luft eingesogen und »Hurenparfüm« gerufen. Dieses Mal hatte er noch bösere Sachen gesagt. Dass Sebastian bald abgeholt werden würde. Dass man ihm etwas abschneiden würde …

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Aus: »Alte Feinde«

Jürgen Heimbach, geboren 1961 in Koblenz. Studium von Germanistik und Philosophie in Mainz. Arbeitete als Regieassistent am Theater Mainz, war Mitbegründer eines Theaters, wo er auch inszenierte und organisierte Theaterfestivals und Ausstellungen. Er ist als Redakteur bei 3sat und ZDFkultur beschäftigt. Jürgen Heimbach ist Mitglied bei »Mörderisches Rheinhessen« und im »Syndikat«. Zahlreiche Veröffentlichungen. Zuletzt »Unter Trümmern« (Pendragon 2012) und »Alte Feinde« (Pendragon 2014). www.juergen-heimbach.de

Jürgen Heimbach

Statt einer Antwort zog ihn der Kerl zurück in den Flur bis zu Elenas Zimmer, nahm aus seiner Tasche den Generalschlüssel, öffnete die Tür und stieß Anstett in den Raum, der nur von einer Lampe hinter einem Spiegel indirekt und gedämpft beleuchtet wurde, was im Zusammenspiel mit der blassroten Tapete eine erotische Stimmung vortäuschte. Auf dem Bett lag Elena noch genauso da, wie Anstett sie verlassen hatte. Die Augen aufgerissen, den nackten Körper seltsam verkrampft, das linke Bein ausgestreckt, das rechte angewinkelt, die halblangen blonden Haare wie ein Kranz um ihren Kopf verteilt. Er hatte gehofft, dass sie sich in der Zwischenzeit bewegt hätte, dann wäre das alles nur ein böser Traum gewesen.

aus: »Plötzlicher Tod einer Nutte«

Jürgen Heimbach, geb. 1961 in Koblenz, Ausbildung zum Kaufmann, Studium der Germanistik und Philosophie in Mainz, Regieassistenz in Mainz, Regisseur einer freien Theatergruppe und Mitgründer und Betreiber eines Theaters in Mainz, Ausstellungstätigkeit, seit 1995 Redakteur bei 3sat und ZDFtheaterkanal, Mitglied der Autorengruppe »Mörderisches Rheinhessen«. Veröffentlichungen: »Plötzlicher Tod einer Nutte« (Kriminalroman, Leinpfad Verlag 2009), Kurzkrimi »Ein Holz, aus dem man Träume macht« in der Anthologie »Perfekte Opfer« (Leinpfad Verlag 2009), »Johannes‘ Nacht« (Jugendroman, Societätsverlag 2008).

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Jürgen Heimbach

Der Hausmeister schaut ungläubig. Solchen Lerneifer kennt er eigentlich nicht von den Schülern.
Vulkan hält ihm die Kamera vor die Nase, aber so, dass er den kaputten Monitor nicht sehen kann.
„Einen Film drehen?“ Der Hausmeister ist ein skeptischer Mensch. An Schulen müssen Hausmeister skeptische Menschen sein.
„Auf dem Johannisfest? Für Herrn Paul?“
Herr Bergher grübelt. Vulkan kann nicht ruhig stehen bleiben, ständig ist er in Bewegung.
„Ein Film übers Johannisfest? So, so. Macht ja keiner. Jeder Dreck wird gezeigt. Aber unser schönes Johannisfest. Nee, das habe ich im Fernsehen noch nie gesehen. Ihr müsst den Film im Fernsehen zeigen. Das musst Du mal dem Herrn Paul sagen. Ganz bestimmt!“
„Haben Sie den Schlüssel für die Photo AG?“ fragt Vulkan ungeduldig.
„Junge“, antwortet der Hausmeister, „es gibt keinen Schlüssel, den ein Hausmeister nicht hat, und kein Schloss, das er nicht öffnen kann. Folge mir!“
Der Mensch ist ein seltsames Tier, sagt sein Vater manchmal, und jetzt weiß Vulkan, was er damit gemeint hat. Er sollte einen Film über den Hausmeister als Mainzer Persönlichkeit machen.
Sie gehen durch das Gebäude zu den Räumen der Photo AG. Der Hausmeister schließt die Tür auf.

aus: „Johannes’ Nacht“

geb. 1961 in Koblenz, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft und Philosophie in Mainz, Regieassistent, Regisseur einer freien Theatergruppe, Mitgründer und Betreiber eines Theaters (darK.-Halle) in Mainz, Ausstellungstätigkeit, seit 1995 Redakteur bei 3sat und Theaterkanal, div. Jurytätigkeiten

Veröffentlichung:
„Johannes’ Nacht“ (Jugendroman, Frankfurt: Societäts Verlag 2008).

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