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Björn Högsdal

Ich war sechs, oder sieben Jahre alt, da rutschte mein Großvater in Norwegen auf einem vereisten Gehweg aus und brach sich den altersmorschen Oberschenkel. Das war in den letzten kalten Tagen des Frühjahres und während er im Krankenhaus der Genesung harrte, zog sich die Welt draußen langsam schon wieder das Sommerkleid an. Mein Großvater, Bestevar, wie es im Norwegischen heißt, war kein Mann der jammerte, wenn es um seinen Körper ging – und so beschwerte er sich nicht. Nicht über sein Missgeschick und auch nicht, als der Gips im Krankenhaus zu eng angelegt wurde und drückte. Als seine Zehen die Farbe vergammelter Bananen annahmen – und amputiert werden mussten, nahm er es hin mit der Duldsamkeit der Weltkriegsgeneration. Was sind schon ein paar Zehen? Die Ärzte hatten nicht besonders sorgfältig gearbeitet und so begann auch der restliche Fuß zu faulen. Mit der Amputation des linken Fußes sank seine Motivation dann doch und 5 weitere Operationen später hatten sie Bestevar das Bein oberhalb des Knies und den Lebensmut unterhalb des Herzens abgenommen.

Aus: »Als mein Vater den Tod bestahl…«

Björn Högsdal, geb. 1975 in Köln, aufgewachsen am Bodensee, seit 1996 in Kiel zwecks Zivildienst, Studium der Neueren Deutschen Literatur- und Medienwissenschaften und Arbeit als Autor und Kulturveranstalter, sowie Poetry Slam-Workshops für den Norden. 2002 gründete er mit Patrick Kruse die Kulturagentur assemble ART. Seit 2007 Mitbetreiber des Literaturtelefons Kiel, dem ältesten deutschen Literaturtelefon. Seine Texte befassen sich mit der Absurdität des Alltäglichen ebenso, wie mit der Alltäglichkeit des Absurden und sind Literatainment, d.h. kurzweilige Literaturperformance mit schwarzem Humor. Veröffentlichungen in Satirezeitschriften (»Titanic«, »Pardon«), Anthologien und Literaturzeitschriften.

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