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Andreas Lehmann

Wäre sie gefragt worden, wonach sie sich eigentlich sehne, hätte sie nichts zu antworten gewusst. Aber natürlich fragte sie niemand, und das war eines der Dinge, die sie der Welt zum Vorwurf machte.
Seit die Wohnung im Haus gegenüber leer stand, war Karen unruhig. Schon den Auszug der alten Mayer hatte sie mit nervösem Interesse verfolgt, hatte vom Fenster aus zugesehen, wie die jungen Männer des Umzugsunternehmens Möbel, Kisten und Kartons an die Straße trugen und in den Lastwagen hievten. Die Mayer war Mitte sechzig, und Karen wusste nicht, warum sie fortging; sie sprachen kaum noch miteinander. Die vorher so lebhafte Frau hatte sich von einem auf den anderen Tag ganz zurückgezogen und die Wohnung fast nicht mehr verlassen. Die Rollläden waren oft tagelang heruntergelassen, der Garten verwahrloste. Und dann war der Laster gekommen, und Karen hatte zugesehen, wie ein ganzes Leben an den Straßenrand getragen und fortgeschafft wurde.

aus: „Nebenan“

geb. 1977 in Marburg, studierte Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik in Mainz. Augenblicklich Arbeit als Verlagsvolontär in Darmstadt. Bislang Publikation von Gedichten und Erzählungen in Anthologien und Zeitschriften, u. a. in „sprachgebunden“, „keine delikatessen“ und „entwürfe für literatur“. 3. Platz beim Literaturförderpreis der Stadt Mainz 2007.

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