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Harald Martenstein

Meine Großmutter hatte ihrem Mann eine Scheidungsklage in das Lager geschickt, nach Westsibirien, wo er sich auf einem Donnerbalken die Seele aus dem Leib schiss. Aber das ging nicht. Kriegsgefangene sollten aus humanitären Gründen nicht geschieden werden, so bestimmte es das Rote Kreuz. Es war ein Präzedenzfall, vielleicht gibt es Akten darüber. Können Sie denn nicht ein bisschen warten, sagte die Frau vom Roten Kreuz, das kann sich doch auch von ganz alleine regeln, in den Lagern sterben doch so viele.
Mein Großvater wurde bereits nach ein paar Tagen aus dem Gefängnis entlassen und zog in die Wohnung seiner Frau, ein Zimmer, Küche, Diele. Zum zweiten Mal stand er mit seinem Birkenholzkoffer in der Tür und sagte: „Ich verzeihe dir.“ Das war der zweite Satz, den er nach sechs Jahren zu ihr sprach.

aus: „Heimweg“

geb. 1953 in Mainz. Studium der Geschichte und Romanistik in Freiburg. Anschließend Redakteur bei u.a. der „Stuttgarter Zeitung“ und beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Seit 2002 schreibt er die Kolumne „Lebenszeichen“ für „DIE ZEIT“. 2004 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis für die zweitbeste deutschsprachige Reportage und 2007 den CORINE-Debütpreis für seinen Roman „Heimweg“. Martenstein lebt in Berlin-Kreuzberg.

Veröffentlichungen u.a: „Männer sind wie Pfirsiche“ (München: C. Bertelsmann 2007), „Heimweg“ (München: C. Bertelsmann 2007),  „Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“ (Hamburg: Hoffmann und Campe 2004), „Wachsen Ananas auf Bäumen? Wie ich meinem Kind die Welt erkläre“ (Hamburg: Hoffmann und Campe 2001).

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