Archiv der Kategorie: Spengler Sebastian

Sebastian Spengler

Während die Titanic in eisigen Fluten versank, sagt man, habe die Bordkapelle gespielt und die Schar sich dazu im Tanze gedreht; zwischen beiseite geräumtem Sportgerät im festlich geschmückten Gymnastiksaal. Alle hatten sich in erlesenste Tuche einkleiden lassen, die Herren in nachtdunkle Smokings, die Damen trugen weite Ballkleider in leuchtendsten Farben, die so geschnitten waren, dass sie sich bei jeder Drehung aufblähten wie umgekehrte Trichter, ringsum schimmerte der Raum in Gold und Silber und an der Decke funkelten Kronleuchter. Wer gerade nicht tanzte, bediente sich am Büfett aus der Kristallschale mit Bowle, die fortwährend nachgefüllt wurde. Mit zunehmender Schräglage lösten sich die Hanteln aus den Wandhalterungen und rollten den Tanzenden zwischen die Beine; da wurde viel gelacht und in die Hände geklatscht über dies, wie zu hören war, originelle Detail; nur als die Toiletten überliefen und mancher das, was er eben noch so dezent erbrochen hatte, grob zur Schau gestellt an sich vorbeischwimmen sah, rümpften einige ob der Geschmacklosigkeit die Nase. Und immer weiter wurde sich gedreht und umhergewirbelt und getanzt, die Fluten schlossen sich leise über dem Heck der Titanic, nicht ein Rettungsring tanzte auf den Wogen und jeder hatte einen wunderschönen Abend gehabt.
Aus: »Titanic«

Sebastian Spengler, geboren 1982 in Kaiserslautern. 2001–2010 Studium der Germanistik in Mainz. 2001.Teilnahme am Treffen Junger Autoren. Seit 2005 Mitglied der Hochschulgruppe »Schrödingers Katze – Hochschulgruppe für Kreatives Schreiben«. Auch seit 2005 Mitglied der Mainzer Autorengruppe, seit 2009 deren Vorsitzender. 2009 Literaturförderpreis der Stadt Mainz. Letzte Veröffentlichung: »Der Wald reicht bis ans Haus«, in: Hell’s Bells. (Hrsg.: Christiane Geldmacher, 2008)

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Sebastian Spengler

Ich bin ein Wunschzwerg. Wann immer ein Kind wahrlich Außergewöhnliches leistet, dann erscheine ich und gewähre ihm einen Herzenswunsch.
Das ist vielleicht Dienstkleidung du Arsch. Das muß jeder tragen. Nicht tragen ist Kündigungsgrund. Bei Kündigung Dienstkleidung abgeben. Einwandfreiem Zustand. Sonst Restlohn einbehalten. Dich will ich sehen, wenn du mal Arbeit hast. Und halt nicht ein Anzugsjob, sondern so ein scheiß beschissene Dienstkleidungs-Job. Oder hast ein Anzugsjob und stellst fest. Daß du aber eigentlich eher der Overall-Typ bist. Daß dir so ein Overall unheimlich toll steht. Daß du dich gar nicht retten könntest vor Frauen. Die dir an den Overall wollen. Da ist es aber schon zu spät und mußt den Anzug bis an dein Lebensende und wirst nie ficken du Arsch. Wenn du mit vierzig noch jeden Morgen Dusche dir einen runterholst, dann reden wir noch mal, hahaha dich selbst du Arsch.

aus: „Wunschzwerg – Ein Monolog“

geb. 1982 Kaiserslautern, zwischenzeitlich nichts von Bedeutung passiert, lebt und studiert seit 2001 in Mainz. Seit 2005 Mitglied der Mainzer Autorengruppe. In der Anthologie zum Treffen Junger Autoren 2001 veröffentlicht, außerdem diverse Internet-Veröffentlichungen im Zusammenhang mit dem Besuch der Workshops von Little Arthur. Neben der regelmäßigen Teilnahme am offenen Mikrofon des Literaturbüro Mainz noch ein paar aus Workshops resultierende Lesungen.

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