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Christina Stein

Der Baum, unter dem ich sitze, hat alle Blätter verloren. Nur noch seine Äste breiten sich über mir aus: Ein starres Gerippe, landeinwärts gerichtet. Wie eine krumme, seltsam entstellte Hand. Und Wurzeln, die über den Sand krabbeln, sich darin verlieren. Ich hebe ein Loch aus, eine Mulde so groß wie die Innenfläche meiner Hand. Dort hinein lege ich mein Handy und die Schlüssel für meine Wohnung, den Briefkasten, das Büro. Der Baum wird darauf aufpassen, allenfalls Mäuse verschleppen solche Dinge in ihre Höhlen. Dieser Gedanke beruhigt mich. Soll doch eine Maus auf meinem Haustürschlüssel schlafen. Sandige Erde klebt unter meinen Nägeln: schwarz, hässlich. Ich beginne, sie heraus zu pulen, doch dann lass ich es bleiben. Paul wird’s nicht stören, und mich eigentlich auch nicht. Es sei denn, wir spielen, was alle spielen: Papier schlägt Stein, Stein schlägt Schere, Schere schlägt Papier. Dabei möchte ich die dunklen Halbmonde unter den Nägeln nicht sehen, nicht an den Baum erinnert werden. Schon gar nicht an die Schlüssel darunter.

Aus: »Bis nach Neapel und weiter«

Christina Stein, geboren 1978 in Bonn, wohnt in Eltville. Studium der Christlichen Archäologie, der Kirchengeschichte sowie der Vor- undFrühgeschichte in Bonn und Mainz.Schreibt Prosa, bisher Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften, u.a. in Macondo und Erostepost. 2011 Literaturförderpreis der Stadt Mainz.
(www.christina-stein.com)

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