Archiv der Kategorie: Wiese Wanja

Wanja Wiese

Bereits als Säugling hatte er nur einen Wunsch: Er wollte. Er wusste zwar nicht, was er wollte, aber er wusste, dass er es wollte, und es sollte sich bloß keiner einbilden, dass er teilen würde. Leider gab es nicht viel zu wollen, zumindest verglichen mit dem, was er gewollt hätte, wenn er gewusst hätte, was er wollen sollte, denn dann hätte er den Weltfrieden gewollt, nur für sich allein, oder die Weltherrschaft, doch kurz nach der Geburt musste er wollen, was er kriegen konnte, und das war zunächst vor allem Luft, also wollte er atmen und er atmete. Die Luft stank nach Nachgeburt und Kot und das wollte er nicht, also wollte er schreien und er schrie und es gefiel ihm und er wollte noch mehr schreien und er schrie noch mehr und das Mehrschreien machte noch mehr Freude und er wollte noch mehr Freude und noch mehr schreien und er wollte den Mund besonders weit aufreißen, um besonders laut schreien zu können, als ihm ein fleischiger Stöpsel in den Mund gestopft wurde.

aus: „Der Wille zum Wollen“

geb.1983 in Moers am Niederrhein. Seit 2004 Studium der Philosophie und Mathematik in Mainz. 2006: Gründung der Schreibgruppe Schrödingers Katze (Hochschulgruppe an der Uni Mainz). 2007: 2. Platz beim Literaturförderpreis der Stadt Mainz für junge Autorinnen und Autoren, 3. Platz beim Theaterwettbewerb des BDAT. Seit 2008: Mitglied der Mainzer Autorengruppe.

Veröffentlichungen: „Das Papayaparadies und andere Texte“ (Hörbuch, erschienen im Boosch-Verlag).

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Wanja Wiese

Neulich hatte ich eine Idee, die so schlecht war, dass ich sie mir ursprünglich gar nicht einfallen lassen wollte. Warum musste mir nur so ein Müll einfallen?
Doch vielleicht ließ sich daraus noch was machen. Der Joseph hat ja auch aus verfilzter, fettiger Scheiße Kunst gemacht. Es gibt doch diese Installation mit der Badewanne. Da hat er sich nackt in eine Wanne gesetzt und reingekotet. Also einen Riesenhaufen hat er da reingesetzt. Die Aufzeichnung davon ist dann im Museum gezeigt worden. Da stand ein Fernseher und darin konnte man sich angucken, wie der Joseph in eine Badewanne kotet.
Angeblich hat mal eine Putzfrau die Installation gesehen und gedacht, das kann doch keine Kunst sein, und hat den Fernseher mit nach Hause genommen. Als der Joseph das hörte, war er natürlich begeistert, denn noch mehr Kunst als eine Putzfrau, die einen Fernseher aus einer Ausstellung mitnimmt, geht ja gar nicht.
Das Museum sah das anders. Der Fernseher war nur geliehen, die wollten den wieder haben. Und letztlich hat die Putzfrau den auch zurückgegeben. Aber als Entschädigung hat der Joseph sie zu Hause besucht. Und als er mal auf Toilette musste, groß, und dann im Badezimmer stand und die schöne weiße Badewanne sah, da dachte er: Mensch, so eine schöne Badewanne hättest du auch gern.

aus: „Soziale Plastikbadewannen“

geb. 1983 in Moers am Niederrhein. seit 2004 Studium in Mainz. 2006 Gründung der Schreibgruppe „Schrödingers Katze“.

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