Jennifer Bentz

Es heißt, wenn die FSK einen Film über dein Leben ohne Altersbeschränkung freigeben würde, machst du was falsch. Wenn das stimmt, habe ich die letzten achtundzwanzig Jahre alles falsch gemacht. Mutig sein bedeutet bei mir, eine neue Kaffeesorte auszuprobieren und als ich das letzte Mal mein Leben ändern wollte, gipfelte die Euphorie in der Anschaffung eines Billy Regals für unseren Kellerraum, bei dessen Aufbau ich mir den Daumennagel abgehämmert habe. Ich like Facebook-Sprüche wie »Vielleicht sollten wir mal das tun, was uns glücklich macht und nicht das, was das Beste ist« und tue das, was das Beste ist. Und all das ist auch kein Wunder: ich wurde in das wohlsortierte Leben einer so durchschnittlichen Familie hineingeboren, dass wir, als ich zehn war, die Vorzeigegruppe einer Panelstudie über das Konsumverhalten der deutschen Normfamilie wurden und beinahe täglich Fragen am Telefon beantworten mussten.

Aus »Frühstück mit Sophie«

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Jennifer Bentz ist Jahrgang 1980, hat Publizistik- und Filmwissenschaften studiert und lebt mit ihrem Sohn in Mainz. Nach dem Sachbuch »Einfach mal klarkommen«, erschien im Jahr 2014 im Ullstein Verlag ihr erster Roman »Wenn alle Stricke reißen«, der für’s Kino ver lmt werden soll. »Frühstück mit Sophie« (Ullstein Verlag 2015) ist der zweite Roman.

 

Der Brandstifter

2014 nahm ich als Asphaltbibliothekar an den BEGEHUNGEN in Chemnitz teil und suchte dort zwei Monate im Stadtraum nach verlorenen Zetteln, um die Befindlichkeit der Stadt in einer Ausstellung widerzuspiegeln. Vor einem Supermarkt fand ich eine mit Er sucht Sie überschriebene und mit einem Herzaufkleber versehene, handschriftliche Kontaktanzeige. Mit der Musikerin Edita Karkoschka fing ich an meine gefundenen Texte zu vertonen und schon bald entwickelte sich aus Von Kunde zu Kunde ein skurriler Ohrwurm, den wir auf einer Bühne am Rosenplatz live aufführten.

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Der Brandstifter, geboren 1968 in Bad Kreuznach. Aktionskünstler, Rektor und Kurator der Walpodenakademie Mainz. Brandstifters Hauptwerk »Asphaltbibliotheque«, eine konzeptuelle Sammlung von Fundzetteln, die er seit 1998 im öffentlichen Raum aufliest, hat er u.a. in Berlin, Graz, Mainz, Rajasthan, Wien und als Stipendiat in New York inszeniert. Buchkunst des V.E.B. Freie Brandstiftung befindet sich unter anderem in der Bibliothek des Museum of Modern Art New York und dem Sackner Archive for Concrete and Visual Poetry Miami. Aktuelle Veröffentlichungen: Asphaltbibliotheque (Ventil), antikörper/antibodies (Gonzo).  www.brand-stiftung.net

Jörg Böhm

Das kleine Dorf Burrweiler steht Kopf, als in einem feierlichen Festakt der neue Anbau des einzigen Mutter-Kind-Heims der Pfalz eröffnet wird. Doch die Freude währt nicht lange: Nur wenige Stunden später wird der hochdekorierte, aber wegen seiner cholerischen Aussetzer verhasste Winzer Alois Straubenhardt tot in seinem Weinberg gefunden – vom eigenen Traktor überfahren. Ein tragischer Unfall? Schnell ndet Hauptkommissarin Emma Hansen heraus, dass sich nicht gerade wenige Menschen den Tod des Winzers mehr als sehnlichst gewünscht haben. Als weitere mysteriöse Mordfälle das Dorf erschüttern, gerät Emma immer stärker unter Druck, den Mörder zu nden. Viel zu spät erkennt sie, dass eine lang verdrängte Schuld endlich gesühnt werden will …

Aus: »Und die Schuld trägt deinen Namen«

Jörg Böhm ist der Geburtsname des Journalisten Jörg Henn. Der 35-Jährige arbeitet als Kommunikationsexperte für ein großes deutsches Versicherungsunternehmen.
Er studierte Journalistik, Soziologie und Philosophie auf Magister und war unter anderem Chef vom Dienst der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, um dort über Land und Leute zu berichten und von den Geschichten des schwarzen Kontinents zu erzählen. Jörg Henn ist verheiratet und lebt in Köln.

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Elke Barker

Am Anfang bin ich mir nicht sicher. Denn Simone hat jetzt kurze Haare. Kurze, hennarot gefärbte Haare. Doch dann, als sie unmittelbar an mir vorbeigeht, gibt es keinen Zweifel mehr. Es ist ihr Gesicht, das klassische Profil, die großen, blauen Augen, der unverwechselbare Blick. Simone geht über die Wiese am Fluss. Es ist sehr kalt, die Wiese mit Raureif überzogen, die Wintersonne milchig und trüb. Sie ist nicht allein, sie hat ein Kind bei sich, ein vielleicht zwei oder drei Jahre altes Mädchen im Schneeanzug. Ich spreche Simone nicht an, gehe weiter, vorbei am Kinderspielplatz und dem Café. Das Café hat alle Rollläden geschlossen, die Terrasse ist leer, Stühle und Tische sind verschwunden. Im Sommer bin ich manchmal da, schaue von der Terrasse auf den Spielplatz, beobachte die Kinder und Mütter, frage mich, ob ich das auch will, irgendwann mal, später vielleicht.

Aus: »Simone«

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Elke Barker, geboren 1969 in Karlsruhe. Studium der Romanistik und Germanistik in Heidelberg, Paris und Lyon. Arbeit als freiberufliche Journalistin. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, darunter »L. Der Literaturbote«, »Krautgarten«, »Bawülon« und »Federwelt«. Mitglied der Darmstädter Textwerkstatt unter der Leitung des Schriftstellers Kurt Drawert und der Lyrikerin Martina Weber.

Matthias Boosch

Lasse erhob sich und stolperte in die Küche, ich schloss mich ihm an. Wir tranken literweise Wasser und betrachteten den tagelang nicht aufgeräumten Küchentisch, wie eine kleine Stadt sah er aus. »Ein Wolkenkratzer«, meinte Lasse und deutete auf den Multivitaminsaft. »Und das ein Kunstmuseum«, ich zeigte auf ineinander gestapelte Trinkgläser mit Paprikainnereien darin. Lasse entdeckte Knoblauchknollenhäuser und einen Marktplatz aus dreckigen Tellern, ich folgte von diesem einer Gabelbrücke über einen Fluss aus Soßenresten, die mich zu Zwiebelschalenslums am Stadtrand und einer Farm aus Kiwischalen führte. Wir verschoben die Zerstörung auf später und waren uns schnell einig unseren Kater entgegen lokalen Gepflogenheiten nicht mit einer Flasche Wodka auszukurieren, sondern indem wir durch die Sümpfe liefen.

Aus: »Eis«

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Matthias Boosch, geboren 1982 in Bischofsheim. Studium der Geschichte und Buchwissenschaft in Mainz, wo er bis heute lebt. Veröffentlichungen in verschiedenen Literaturzeitschriften, zuletzt erschien die Polit- und Mediensatire »Großtyphien schlägt zurück«. Seit einem längeren Lettlandaufenthalt schreibt er vorwiegend Kurzgeschichten, die im Baltikum spielen.

Eva Paula Pick

Das fressen nur Wilde, sagte meine Großmutter und nahm einen Schluck Lebenswasser: Die Köpfe der Schafe hingen im Gras. Ihr Vater war an seinem Kopf gehangen. Aber Eugen, der große Bruder, hatte ihn abgeschnitten. Die Mutter hatte den Vater zu sich in den Himmel geholt. Und die Tante hatte sie in die Metzgerei geholt. Die Messer so groß wie das Kind. Messer, mit denen sie Würste vom Strang abschnitten. Schafswürste auch, nickte Großmutter triumphierend, viele Schafswürste auch. Haben alle ins Gras gebissen. Kopf hoch, murmelte meine Großmutter zu den Schafen hin. Mit Eiszapfen in den Augen knurrte sie dann, Fressen bis zum Grünwerden, schüttelte sich schließlich und eierte auf der Dorfstraße das letzte Stück zu ihrem Haus.

Aus: »Grüne Schafe«

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Eva Paula Pick lebt in Kaiserslautern als freie Schriftstellerin. Sie performt ihre Texte in Lyrik & Jazz-Auftritten, beschäftigt sich mit (Laut-)poesie, schreibt Szenisches und Prosa. Mehrere Literatur-Preise, Stipendiatin des Landes Rheinland-Pfalz in Vezelay. Veröffentlichungen: »Lapidosa«, »Tüpfelschiff tintenschwarz« (CD mit Jazz) und »Wo Hathors Kühe weiden« (2015).

 

 

Jürgen Heimbach

Warum hatte Weller ihm den Brief nicht einfach gegeben? Wie immer hatte der Postmann ihn beschimpft. Nur weil er anders war. Die dunklere Haut. Die Locken. Einen Bastard schimpfte Weller ihn. Eine Schande und Schmach. Dabei war er doch Deutscher. Und Weller? Der, ja der hatte doch gar nichts von einem Arier! Er war nicht groß, er hatte dunkle Haare und einen Bauch. Wenn er auf seinem Fahrrad die Post ausfuhr, dann schwitzte und keuchte er. Bei ihrer letzten Begegnung war er besonders grausam gewesen. Weller hatte den Brief nicht herausrücken wollen.

Fast so schlimm wie damals, bei dem letzten Brief seiner Mutter, in dem die ihm schrieb, dass sie nicht mehr leben würde, wenn er den Brief in den Händen hielt. Damals hatte Weller gelacht und gesagt, dass man Hurenpost nicht ausliefern darf. Dann hatte er den Brief an seine Nase gehalten, tief die Luft eingesogen und »Hurenparfüm« gerufen. Dieses Mal hatte er noch bösere Sachen gesagt. Dass Sebastian bald abgeholt werden würde. Dass man ihm etwas abschneiden würde …

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Aus: »Alte Feinde«

Jürgen Heimbach, geboren 1961 in Koblenz. Studium von Germanistik und Philosophie in Mainz. Arbeitete als Regieassistent am Theater Mainz, war Mitbegründer eines Theaters, wo er auch inszenierte und organisierte Theaterfestivals und Ausstellungen. Er ist als Redakteur bei 3sat und ZDFkultur beschäftigt. Jürgen Heimbach ist Mitglied bei »Mörderisches Rheinhessen« und im »Syndikat«. Zahlreiche Veröffentlichungen. Zuletzt »Unter Trümmern« (Pendragon 2012) und »Alte Feinde« (Pendragon 2014). www.juergen-heimbach.de

Judith Schalansky

Die Sprosspflanzen wurden einfach unterschätzt. Während ihrer Studienzeit hatte sie sich auch nicht für das Grünzeug erwärmen können. Servile Werktätigen der Photosynthese-Fabrik. In unzähligen Übungen zu bestimmen. Immer ging es ums Zählen. Wie viel Blätter sie hatten, wie viel Staubgefäße. Nacktsprosser und Schachtelhalme, Bärlappe und Farne, Nackt- und Bedecktsamer, Zweikeimblätt
rige und Einkeimblättrige. Schmetterlingsblüten und Kreuzblüten, Lippenblüten und Korbblüten. Wechselständig, grundständig, kreuz- gegenständig. Frucht. Futter, Heilmittel, Zier. Die einzelnen Organe der Photosynthese. Zufuhr des großen Kreislaufs, Motor des Stoffwechsels. Pflanzen verwandelten energiearme Stoffe in energiereiche. Bei den Tieren war es andersrum.

Aus: »Der Hals der Giraffe«

Judith Schalansky, geboren 1980 in Greifswald, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign, unterrichtete Typografische Grundlagen und lebt heute als freie Schriftstellerin und Buchgestalterin in Berlin. Für ihren »Atlas der abgelegenen Inseln« (mare, 2009) wurde sie mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. 2011 erschien ihr Bildungsroman »Der Hals der Giraffe« im Suhrkamp Verlag, der 2012 wieder zum »Schönsten deutschen Buch« gekürt wurde. Seit dem Frühjahr 2013 gibt sie im Verlag Matthes & Seitz Berlin die Reihe NATURKUNDEN heraus. Judith Schalansky ist die Mainzer Stadtschreiberin 2014.

Felicitas Pommerening

»Stan-the-Man ist auch da.«

»Oh! Das ist Bestimmung!«, schreibt Lotta.

Ich will erst etwas Witziges erwidern, da sehe ich, dass Konstantin sich einen Weg zu mir bahnt. Schnell schreibe ich Lotta: »Er kommt jetzt gerade auf mich zu…«, und noch bevor ich das iPhone wieder wegstecken kann, sehe ich noch ihre letzte Antwort: »Gib ihm eine Chance!«

Dabei weiß sie, dass Konstantin für mich nicht in Frage kommt. Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass wir beide regelmäßig an dieselbe Uni, in dieselbe Stadt wechseln? Sehr unwahrscheinlich, würde ich sagen.

Umso mehr ärgere ich mich über die übertriebene Freude in meinem Bauch, als Konstantin sich endlich erfolgreich von den anderen Teilnehmern gelöst hat und sich ganz selbstverständlich neben mich setzt.

Aus »Was will ich und wenn ja, wie viele?«

Felicitas Pommerening liest aus „Freunde fürs Lieben“:

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Felicitas Pommerening, geboren 1982, aufgewachsen in Indonesien, Spanien und England, lebt in Mainz. Ihre Bücher erzählen authentisch von dem Alltag junger Frauen. Ihr aktuelles Buch ist der Entscheidungsroman »Was will ich und wenn ja, wie viele?«.

 

Zaza Burchuladze

Zaza Burchuladze, geboren 1973 in Tiflis/Georgien. Schriftsteller, Journalist, Übersetzer. Verfasser von Romanen, Essaysammlungen und Kurzgeschichten. Seine Bücher wurden von religiösen Fundamentalisten verbrannt, er wurde bedroht und auf offener Straße niedergeschlagen. Seit Januar 2014 ist Zaza Burchuladze Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms des deutschen PEN-Zentrums.

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Writers in Exile heißt das Programm, das vom deutschen PEN und dem ersten Staatsminister der Bundesregierung für Kultur und Medien, Michael Naumann, vor 14 Jahren ins Leben gerufen wurde. Über vierzig in ihren Heimatländern bedrohte und verfolgte Schriftsteller und Journalisten konnten bisher durch dieses Stipendium in unserem Land für eine gewisse Zeit Zuflucht und Sicherheit finden, um bei uns, in geschütztem Raum, schreiben zu können. Die Stipendien – also Wohnung und Lebensunterhalt – werden jeweils für ein Jahr vergeben und können verlängert werden. Bei praktischen und professionellen Fragen beraten und helfen Kollegen. Sowohl Lesungen, Diskussionsforen und Publikationsmöglichkeiten als auch Kontakte mit Lesern und Interessierten sind die Basis für ein Leben als Schriftsteller, auch in der Fremde. Bislang sind mehrere Anthologien mit ausgewählten und ins Deutsche übersetzten Texten der Writers-in-Exile-Stipendiaten erschienen.

Nehmen Sie sich ein Ohr!